Memento Mori

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Kunstkammer Georg Laue, Georg Laue Eigenverlag München, 201 Seiten, Format 23 cm x 28,5 cm/HC, Antiquariat

Schaurige Sensenmänner auf alten Schimären, Tödleins, Stundengläser, Schädel, Särge und andere Verwandte Gevatter Tods. Memento Mori, „Bedenke, dass Du sterblich bist“ – führt den Leser in den skurrilen Kosmos der Vanitas-Kultur vergangener Epochen. Es erzählt vom künstlerischen Versuch, die eigene Ungeheuerlichkeit des Todes fassbar zu machen, der Sinnlosigkeit allen materiellen Strebens, aber auch von der Sinnlichkeit des Todes und dem ironischen Blick, den so manch begabter Künstler auf den Verbündeten des Lebens warf. Der Tod ist bilderfreundlich – voran stehendes Zitat des Artikels von Frank Matthias Kemmerl, der in einem der 3 Essays des Kataloges über die Vergänglichkeit als Thema barocker Kleinbildwerke referiert. Das dem so ist, demonstriert das vorliegende Werk denn auch aufs Trefflichste…

Der Opener ins Buch: Schädel mit Schlange, Elfenbein, japanisch um 1800

Zwar gab es Memento Mori schon vor dem Barock, doch gerade der Gegensatz zwischen Sinneslust und Prachtentfaltung auf der einen und der Vorführung der eigenen Vergänglichkeit in Form kunstvoll gestalteter, für unser heutiges Verständnis oft grauenvoller Objekte, macht diese Epoche so interessant. Vanitas-Stillleben, Totentänze oder Allegorien gemahnten an die eigene Vergänglichkeit und die Verpflichtung sich im Diesseits schon weltlichen Gütern zu entsagen, denn dem Tod, so die immanente Botschaft,  kann niemand entrinnen. Im Barock scheint die Verquickung dieser notwendigen Ermahnung mit ästhetischer, repräsentativer Kunst ihre Vollendung gefunden zu haben. So entstanden religiös befrachtete Meditationsobjekte, die gleichzeitig als prunkvolle Preziosen und Kabinettsstücke ihre Funktion erfüllten und heute teilweise in öffentlichen und privaten Wunderkammern Europas zu bewundern sind.

Links Totenmaske einen Säuglings, rechts Rückseite eines Spiegels, franz. 18. Jh.
Ein Tödlein in Holz gefasst, ein Totenschädel mit Spruchband, eine Büste mit einer Allegorie der Hölle und ein Memento Mori Kopf, um 1720

Pfeifenköpfe in Schädelform dienten dem weltlichen Genuss und erinnerten gleichzeitig an die eigene Vergänglichkeit, auch wenn zu damaliger Zeit sicherlich nicht aus medizinischen Gründen… Inschriften auf eher seltenen Tabakdosen in Sargform mokierten sich auf der Unterseite über die Tatsache, dass der Tod jeden, ohne Ansehen des Standes, zu sich hole und der aufgeklappte Unterkiefer eines Totenschädels enthüllt ein kleines Uhrwerk – carpe diem und memento mori gleichermaßen. Überraschender als Tödlis und grausige Schädel mögen für den interessierten Leser die Puttodarstellungen mit Totenköpfen anmuten. Die unschuldigen Engel symbolisierten blühendes Leben, die Schädel den Tod, beide sich bedingende Gegebenheiten des Daseins und wiederum künstlerischer Fingerzeig auf die eigene Vergänglichkeit. Über historische Vorbilder informiert auch hier ein kurzer Essay zu Beginn des Buches. Absolut sehenswert waren und sind aber sicher auch die Anatomiemodelle, etwa einer schwangeren Frau auf einem Sarg, die Sarganhänger mit Miniaturskeletten, aber auch moderne Totentänze, wie etwa jener von Franz Fiedler um 1930, der sich heute im Bayerischen Nationalmuseum befindet – moderne Adaption des mittelalterlichen Themas.

Angesichts der Tabuisierung des Todes in der modernen Gesellschaft wirken die Objekt seltsam aus der Zeit gefallen. Betrachtet man das mediale Leichenfeuer, das uns allabendlich mit dem Tod konfrontiert, mutet der Verlust der Auseinandersetzung mit dem Tode doch recht seltsam an. Laues Katalog nimmt den Leser mit auf eine Reise in das Reich des Todes und zeigt, dass die Integration des eigenen Todes oder zumindest die Beschäftigung mit selbigem zu künstlerischen Höchstleistungen führte und eine lange Tradition hatte.

Asmat Ahnenschädel mit Resten von Fassung, Papua Neuguinea nach 1900 und Kopftrophäe, bemalt, Reste von Schnur, Südwest-Neuguinea
‚Narre Tod mein Spielgesell‘, Franz Fiedler, Dresden um 1920, Silbergelatineabzug

Vor allem die Anmerkungen am Ende des Katalogs geben noch einmal zusätzliche Informationen zu jedem Objekt und sind außerordentlich hilfreich für alle, die sich mit diesem Thema weiter beschäftigen möchten. Ästhetisch kommt das dem Buch natürlich sehr entgegen, scheint es doch mit seinen transparenten Einlegern und großzügig gestalteten Seiten wie alle Kataloge Laues eher ein Kunstbuch zu sein. Für den interessierten Sammler ist dies zweifelsohne manchmal hinderlich, denn das ständige Suchen am Ende des Werks erweist sich doch als mühsam. Vielleicht wäre  das eine zukünftige Herauforderung: Die ästhetisch adäquate Integration der Informationen auf den Hauptseiten …

| Antje Lehner,  www.lilliundkarl.de

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