Hauskonzerte München – Drei Münchner organisieren Konzerte an ungewöhnlichen Orten

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Hauskonzert des Schweden Daniel Norgren

KONZERTE SPEZIELL. 12 Uhr. Ein Freitag im Juni. Ein einstöckiges Abrissgebäude direkt an der Isar. Wenn man leise ist, kann man die Musik und Stimmen der Strandbar an der Corneliusbrücke hören. Seit bald zwei Jahren ist die Ruby Bar in einem ehemaligen italienischen Restaurant Party-Location für Münchner. Bänke, Tische und Bäume im Garten neben der Bar haben einen weißen Anstrich bekommen. Die Sonne strahlt. Es könnte ein guter Tag für den Biergarten werden, der normalerweise um 20:30 aufmacht. Doch heute ist alles anders.

Biergarten Ruby Bar, Foto von Vincent Urban
Ruhe vor dem Sturm, Foto von Florian Treffler

14 Uhr. Viele der Biergarten-Tische wurden durch große Sofas aus altem Leder ersetzt, bedeckt mit bunten, zerknautschten Kissen. Wo sonst moderne Wandlampen die Tische beleuchten, finden sich nun Stehlampen, mit verzierten Holzständern und bauchigen Lampenschirmen, die mit altmodischen Stoffen bezogen sind. Viele junge Menschen sind eifrig am Arbeiten, Herumrennen, ein Mann im Sakko steht händefuchtelnd herum. Drei junge Männer bauen zusammen eine provisorische Bühne auf: umgedrehte Bierkästen werden zu Ablagen für Lautsprecher-Boxen, ein Mikrofon wird an einem Stativ vor einen Barhocker gestellt, unzählige Kabel werden nach einem unbekannten Muster verlegt und eingestöpselt.

Tobias, Stefan und Peter, Gründer der Plattform hauskonzerte.com, sind die Gastgeber. Ihre Konzertreihe „Somewhere in Munich“ zweckentfremdet Räumlichkeiten, die sonst nicht für Konzerte genutzt werden, um intime, kleine Auftritte der Lieblingskünstler der drei zu ermöglichen. Wenn das Angebot für solche Events in München rar ist, sieht Tobias kein Problem damit, „sich diese Orte eben selber zu schaffen.“ Anstatt sich an die Stadt München zu wenden, Locations anzufragen und sich wochenlang mit der bürokratischen Organisation herumzuschlagen, finden die drei jungen Münchner die Auftrittsorte selber: auf Dachterrassen, in düsteren aber sehr charmanten Dachböden oder halt in einem alten Restaurant, das irgendwann einem Haus mit Luxuswohnungen weichen muss.

Um dem Stress mit KVR & Co zu entgehen, finden bei ihnen eben keine kommerziellen Konzerte statt. „Wir spielen nur an Orten, die uns deren Besitzer aus Liebe zu Kultur und Musik zur Verfügung stellen. Wir verlangen auch keinen Eintritt, das Konzert wird nicht öffentlich beworben sondern ist nur über Facebook für unsere Freunde oder durch Mundpropaganda mitzukriegen. Um den Künstlern jedoch die Fahrt hierher zu spendieren, lassen wir am Ende des Abends einen Sammel-Hut herumwandern.“ sagt Peter. Für heute Abend haben sie zwei Sänger in die Ruby Bar eingeladen: A Singer of Songs aus Spanien, und Freddy Gonzalez aus Deutschland.

18 Uhr. Das Konzept kommt an, die Leute stapeln sich auf den Bänken und sitzen eng nebeneinander auf den riesigen Sofas, viele der Kissen mussten weichen um noch mehr Platz zu machen. Die Atmosphäre ist entspannt, viele der Gäste scheinen sich schon zu kennen, es wirkt so als hätten Tobias & Co bereits eine große Fanbase in Bayern. Auch die beiden Künstler mischen sich vor ihrem Auftritt noch unters Volk, erfrischen sich mit Biergarten-Schmankerln und tauschen sich mit ihren Fans, Musikliebhabern und den drei Organisatoren über vieles aus.

Tobias und Stefan kennen sich schon aus Schulzeiten. Sie haben zusammen Abitur gemacht und waren als Teenager in einer Rap-Band. „Wir sind schon lange befreundet“ meint Tobi „und für das Hauskonzerte-Projekt ergänzen wir uns sehr gut, wir haben ähnliche Auffassungen von musikalischer Qualität und von Ästethik.“ Peter kam dann durch seine eigene Band Soki Green zu Hauskonzerte. Er schrieb Stefan und Tobias an, ob sie nicht mit ihnen filmen wollen und da Peter mit seiner langjährigen Band- und Musik-Technikerfahrung Facetten mitbringt, die vorher nicht im Hauskonzerte Team vorhanden waren, „war es eine logische Konsequenz, dass er dann mit ins Boot kommt.“

Die Aufgaben werden größtenteils gemeinsam bearbeitet, jedoch betreut Stefan hauptsächlich die Kamera und das Design, Tobias kümmert sich um die Videoaufnahmen und Pressearbeit sowie begleitende Texte und Peters Aufgabe dreht sich viel um die Technik und den Ton. „Die Kommunikation mit den Bands teilen wir uns auf“, meinen die drei Jungs einvernehmlich. „Da ist jeder involviert.“

Das erste Konzert fand im April 2010 auf einem Dachboden am Auer Mühlbach in Haidhausen statt. Eingeladen war die Band Horse Feathers aus Portland und seitdem organisierten Hauskonzerte etwa 20 weitere Konzerte. Jedes Konzert entwickelt seinen ganz eigenen Charme, Tobis Lieblingslocation „bleibt der Dachboden in der Mondstrasse“. Peter dagegen schwärmt noch heute von dem Auftritt Ian Fisher’s an seinem Lieblings-Ort: der eigenen Schreinerei in der Marsstrasse, von dem aus das Hauskonzerte Team plant & organisiert.

20.15 Uhr. Langsam wird der Himmel dunkler, die alten Lampen werden eingeschaltet und ihr Licht lässt die Besucher des Biergartens weicher und milder erscheinen. Die ruhige Stimmung entgeht auch den Menschen nicht und sie hören nach und nach auf zu reden, nur ein paar Leute können sich der Biergarten-Stimmung noch nicht entziehen und lachen eine Spur zu laut. Wo ansonsten Sommerabende zum Tratsch & Klatsch verbreiten genutzt werden, sind heute alle gekommen um zuzuhören. Es ist ein sehr intimes Event, circa 100 Besucher, man kennt sich untereinander und immer wieder winken sich Leute zu und begrüßen leise den bekannten Sitznachbarn.

Als der Münchner Sänger Freddy Gonzalez sich seine Gitarre schnappt und die provisorische Bühne der außergewöhnlichen Konzert-Location betritt, kehrt eine beeindruckende Stille ein. Seinen Folk-Liedern wird andächtig gelauscht, viele schunkeln mit, wackeln mit dem Kopf und auch viele Füße können bei diesem Takt nicht mehr stillhalten und tippen auf der Stelle. Jetzt redet niemand mehr, alle hören zu und lassen sich ganz auf die Musik ein.

21.30 Uhr. Der junge Mann aus Barcelona, der sich „A Singer of Songs“ nennt, ist wohl schon etwas populärer und erfahrener als der Musiker aus Deutschland – er springt auf die Bühne und animiert die Leute zu einem weiteren Applaus für Freddy Gonzalez. Er begrüßt sein Publikum „How are you, somewhere in Munich?“ und ruft lachend ein paar Fragen, die die Münchner sehr gerne lautstark beantworten.

Als er beginnt zu spielen, lassen sich ein paar Fans von seiner guten Laune mitreißen und begleiten ihn durch Klatschen und Pfiffen bei seiner Vorstellung. Als bei dem vierten Song „There is a home for you“, ein großer Teil der Zuschauer in ein lautstarkes Singen verfällt, ist auch der Spanier überrascht. Jeder scheint seinen Song auswendig zu kennen, und das bei einem Konzert in einem anderen Land, so bekannt kann er hier doch noch gar nicht sein!

„The Magic Moment“ nennen die drei Jungs diesen Zeitpunkt. Im Voraus wird ein Lied ausgewählt, das ihnen besonders gut gefällt, und an so viele Menschen wie möglich weitergegeben, damit die es auswendig lernen. Tobias Tzschaschel erzählt, dass hier nicht selten Tränen fließen, so überragend wirkt dieser Moment, nicht nur auf die Chor-Mitglieder sondern vor allem auf die Künstler.

Der Applaus und das Gejubel am Ende des Abends sind groß. Die Nachtaktiven bewegen sich gleich in den nebenanliegenden Club, die anderen lassen den Abend noch bei einem Becks an der Isar ausklingen. Die häufigste Frage die noch gestellt wird, ist natürlich, wann und wo das nächste Konzert sein wird. Und wer kommt?

Leider kann auch Peter hier nicht mehr verraten, als „einfach Hauskonzerte auf facebook adden, die Augen offen halten und die Bekanntgabe des nächsten Konzertes nicht verpassen.“ Dann besteht nämlich die Chance einen Platz auf der kleinen Gästeliste zu erwischen und beim nächsten Mal wieder dabei zu sein.

Solange summen wir „One Night“ von A Singer of Songs, denn das war es wirklich – was für eine Nacht!

| Joanna Kuhlmann

Anm. d. Red. Die Ruby Bar mußte leider wegen Abriss des Gebäudes geschlossen werden. Wer sich gegen die Bebauung des geplanten Luxustempels Glockenbachsuiten stemmen möchte, schaut hier.

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