Geweihmöbel von 1825-1925

in BUCHTIPPS / Buchtipps Vintage & Antikes
Sabine Spindler, Spindlerfinearts, Eigenverlag München, 112 Seiten, Format 26 x 21cm/ SC

Das Geweihmöbel, einst Kind der jagenden Aristokratie des 19. Jh., in Sälen oder Herrenzimmern prunkvoll ausgestellt oder als Interieur in Jagdhütten beliebt,  hielt in der zweiten Hälfte des 19. Jh. auch in die bürgerlichen Wohnzimmer Einzug. Diesen Weg zeichnet Sabine Spindler nach und verdeutlicht insbesondere die Verbindungen zu anderen Stilrichtungen dieser Zeit. So sind die frühesten nachweisbaren Geweihmöbel, die der Drehermeister Anthes aus Kronberg  1825 für das Jagdschloss Platte des Herzog Wilhelm von Nassau lieferte, ‚Biedermeiermöbel im klassischsten Sinne‘. Reduziert und ohne opulente Dekoration, wie sie später aufkommen sollte. Auch der Wiener Möbelfabrikant Joseph Danhauer, der das Wiener Biedermeier prägte wie kein anderer, fertigte Skizzen von Geweihmöbeln an, die sich an klassizistischen Vorbildern orientierten.

Der Durchbruch kam Mitte des 19. Jh. Das aufstrebende Bürgertum ahmte die stilbildende Wohnkultur der Aristokratie nach und das Geweihmöbel fand seinen Weg auf Messen und Gewerbeschauen. Um 1850 wandelten sich die Stühle zu üppigen Salonmöbeln und kündigten das Ende der klassizistischen Vorlagen zu Gunsten des Historismus an. Mitte der 50er Jahre, so Spindler, setze ein wahrlich „ornamentaler Rausch“ und „ungezügelter Stilpluralismus“ ein, der sich oft in neobarocken Formen, Rokokoanleihen und  üppigen Verzierungen äußerte. Das Rokoko fand seinen Niederschlag in den zierlichen Boudoirmöbeln, wie sie vor allem in Österreich produziert wurden. Mitte der 70er Jahre wurde die Neorenaissance in Gestalt von großen rechteckigen Platten gefeiert, statt dem Polstersessel war jetzt der Zargenstuhl en vogue. Zahlreiche begleitende photografische oder skizzierte Abbildungen dokumentieren die diversen Stile der Möbel.

Zwischen den Kapiteln ‚Durchbruch’ und ‚Stilwandel’ findet sich das Kapitel  ‚Traumwelten’ in welchem Spindler die symbolische Bedeutung der Geweihmöbel ergründet. Dieses Kapitel ist insofern interessant, als es das Entstehen und die Metaphysik der Möbel nicht auf „Jägerstolz und Trophäenhabitus“ reduziert, sondern einen Bezug zur deutschen Romantik, dem Wiedererstarken der Aristokratie nach 1814 und der Revolution von 1848 herstellt.

Diesen beiden Hauptteilen des Buches fügen sich noch ein reich bebildertes, ausführliches Kapitel über Dekorationsmethoden, ein Herstellerverzeichnis, sowie eine kleine Geweihkunde an. Ausgesprochen stimmungsreich: der Anhang mit zahlreichen antiken Photografien und Zeichnungen.

 

So manchem Antiquitätenhändler mag es übel aufstoßen, manch’ ein  Sammler mag es geschmacklos finden, Geweihmöbel sind wieder en vogue und das nicht nur bei einer durchgedrehten, exzentrischen Avantgarde. Dabei ist es keine neue Erkenntnis, dass vielen Objekte die immer wiederkehrende Entwicklung von modischem Accessoire zum Attribut des schlechten Geschmacks und wieder hin zum angesagten Wohnaccessoire durchlaufen. Sabine Spindler hat sich in ihrem Werk auf die Spur dieser skurrilen Gesellen gegeben und für den Laien erwächst daraus sicher manch interessante Erkenntnis. Die Quellenlage, mit der sie arbeiten musste, scheint nicht üppig gewesen zu sein, aber das vorhandene wurde  gründlich erforscht.

Ich persönlich finde Geweihmöbel als Solitäre sehr attraktiv und habe das Buch mit großem Interesse gelesen. Die Qualität der neuen Photos ist zwar teilweise sehr dokumentarisch, aber das tut dem Werk überhaupt keinen Abbruch. Die Bezüge, die Spindler hier zu den verschiedenen Stilepochen nachweist mögen offensichtlich sein, sie sind dennoch bereichernd und interessant, ebenso wie der Spaziergang in die mythisch-symbolische Welt dieser skurrilen Salonbegleiter.

| al, www.lilliundkarl.de

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