Die kleine Stilkunde – Möbel und Architektur in den europäischen Stilen

in EDITORIALS / Antikes
Mit freundlicher Genehmigung von antiqueprints.com

EPOCHEN-TABELLE | Dieser kleine Abriss über die europäische Stilkunde soll die wichtigsten Strömungen und stilbildenden Elemente benennen und Ihnen als Leser des Designguide Hilfestellung geben bei der ersten Einschätzung von Möbeln, Kunst- und Antiquitäten in München und Umland. Wahrscheinlich wird es Ihnen ergehen wie mir – je mehr ich dazu lerne, desto klarer wird mir, dass ich eigentlich nichts weiß. Wir hoffen dennoch etwas Licht ins Dunkel der teilweise irritierenden Überschneidungen verschiedener Epochen und Ihrer Namenspatrone bringen zu können und zeigen über die rot hinterlegten Links wissenswerten Kontext auf…
Die frühe Europäische Stilkunde beginnt ungefähr im Jahr 900 mit der ROMANIK – die Möbel dieser Zeit sind wuchtig, massiv gearbeitet und kastenförmig – die Zweckmäßigkeit steht dabei im Vordergrund. Von einem kunstvollen Stil im eigentlichen Sinn kann dabei eigentlich noch nicht wirklich gesprochen werden. Häufigstes verwandtes Material ist Eiche, Verzierungen sind kaum zu finden, allenfalls keilförmig angebrachte Kernmotive oder geschnitzte Knäufe als Abschlüsse. Figürliche Darstellungen gab es nicht, lediglich Stoff- und Lederbespannungen sorgten hin und wieder für Zier. Wichtigste Möbel stellen Truhen, Sitzbänke (mit Kästen unterbaut und fest mit der Wand verbunden) und Schlafstätten, eine derbe Pfostenkonstruktion mit quer gelegten Brettern, dar. In der Architektur bestimmen Rundbogenfenster, Arkaden und Rosetten das Bild. Diese Einflüsse sind auch bei kirchlichen Möbeln zu finden und unterscheiden sich damit entschieden von allgemein im Gebrauch befindlichen Möbeln. Hoch entwickelt war die Schmiedekunst, die reich verzierten Eisenbeschläge spiegeln dies wieder.

Francis Grose’s ‚Antiquities of England and Wales‘, 1785 – über antiqueprints.com

„Gotico“ bedeutet fremdartig, barbarisch, bezeichnete den Germanenstamm der Goten und spiegelte die Geringschätzung von Giorgio Vasari, einem der wichtigsten Kunsttheoretiker dieser Zeit. Mittelalterliche Kunst nahm sich seiner Meinung nach im Vergleich zur kunstvollen Antike „barbarisch“ aus. Diese Stilepoche des Mittelalters währte von 1200 bis ca. 1400 und wurde abgelöst durch die Renaissance. Eine herausragende Bedeutung muss der GOTIK in der Architektur zugestanden werden: die Spitzbogen tauchten auf und wurden im Innern der großartigen Kathedralbauten mit Kreuzrippengewölbe und Strebepfeilern eingesetzt. Der dadurch mögliche Verzicht auf massive Wände als tragende Elemente gestattete großflächige Fenster und Licht durchflutete Räume. Neben den Spitzbogen waren filigran gearbeitete Rosettenfenster und die Betonung der Vertikalen (symbolisiert das Streben nach oben, zu Gott und seinem Himmelreich) hervorstechende Merkmale. Die Ornamentik war geometrisch – Kreise und Bögen wurden kombiniert mit Eichenlaub und anderen Ornamenten aus der Pflanzenwelt. Bei den profanen Bauten trat die Wehrkraft der Bauten zurück, aus Burgen wurden Schlösser, die erstmalig verstärkt der Repräsentation dienten. Kreuzgangähnliche Innenhöfe nahmen Bezug auf die sakralen Bauten. Viele Städte erhielten in dieser Zeit ihre Stadt- und Befestigungsrechte, Stadtmauern mit niedrigen, klobig-massiven Geschütztürmen entstanden. Im Innern der Städte überwiegte der Fachwerkbau, einige Städte jedoch wurden aus Backsteinen erbaut und deren gewölbte Laubengänge zeugen von dieser frühen Epoche.

Die Möbel der GOTIK sind weniger derb und massiv als die der Romanik. Der Aufbau folgt der Architektur: tragende Elemente betonen die Vertikale und werden gefüllt mit verzierten Flächen (meist rosettenförmige Keil- und Kerbschnitte). Möbel bekommen Zusatzfunktionen, die ersten Tische mit aufklappbaren Platten entstehen und Schränke haben erstmals Schubladen. Vorherrschendes Aufbewahrungsmöbel ist und bleibt jedoch die Truhe – Schränke ähnelten zwei aufeinander gestellten und miteinander befestigten Truhen. Stühle bleiben kastenförmig wie in der Romanik, erhalten aber erstmals Armlehnen und zusätzliche, oft höhere Rückenlehnen.

Mit Beginn des 15. Jahrhunderts fand das dunkle, schwere, sinnnenfeindliche Mittelalter ein Ende. Die RENAISSANCE/Burg Trausnitz (franz. „Wiedergeburt“, meint ‚die Wiedergeburt angelehnt an die Werte des klassischen Altertums‘) begann 1400 in Italien, die Menschen wandten sich wieder dem „Diesseits“ zu, schätzten nach dem Zunft- und Ständegebahren des Mittelalters ihre individuelle Freiheit. Die Ideen der Antike wurden durch die Klosterbibliotheken im arabischen Kulturkreis neu belebt. In der Architektur folgte man mit Kreis und Quadrat den einfachen Formen der Geometrie und entlieh der Antike Säulen, Pilaster und Kapitelle. Möbel werden erstmalig nicht ausschließlich als Gebrauchsgegenstand eingesetzt, sondern als Mittel der Raumgestaltung benutzt. Neben geschnitzten Möbeln entstehen intarsierte oder anderweitig aufwendig gestaltete Objekte (erstmalig mit Portraitköpfen verziert), die Hölzer werden eingefärbt um teure Materialien nachzubilden. In der Bildhauerei wurde der menschliche Körper detailgenau dargestellt, die ersten Landschaftsbilder entstanden und bedienten sich der Zentralperspektive in der Darstellung. Michelangelo, Dürer, Leonardo da Vinci, Raffael, Tiziano, Bruegel, um nur einige zu nennen, gehörten zu den bekanntesten Künstlern dieser Epoche. Die Medici und die Fugger gehörten zu den einflussreichsten Handel treibenden Familien.

Als BAROCK/Flämische Meister des Barock wird die Epoche von ca. 1600 bis 1770 bezeichnet, in der Luxus und Vermögen nicht länger nur den Königshäusern und dem Hof vorbehalten sind, sondern erstmalig auch vom Bildungsbürgertum und den reichen Kaufleuten ausgehen. Der Handel blüht, die Ostindische Kompanie ermöglicht den Austausch mit Fernost. Die schlichte Anmut der Renaissance mit ihren antiken Formen wird verdrängt durch die verschwenderische, derbe Üppigkeit des Barock. Es war das Zeitalter der Reformation, auf das die Kirche mit noch mehr Prunk und Reichtum in der Ausstattung antwortete. Ihren Reichtum wollten aber auch die absolutistisch regierenden Fürsten kundtun – eine endlos sich drehende Spirale von Verschwendung und kraftvoller Übertreibung nimmt ihren Lauf. Der Hof von Versailles unter Louis-Quatorze wird tonangebend, in der Baukunst und bei den Möbeln sind die geraden Linien verschwunden; geschwungene, verdrehte Formen mit reichlich ornamentalem Schmuckwerk sind „in“ – passend zur völlig überdrehten Welt drumherum.

Diese fast 200 Jahre andauernde Epoche wird in ihrer Endphase als ROKOKO (abgeleitet franz. „rocaille“, bzw. „style rocaille“ ) oder Spätbarock bezeichnet. Entsprechend der sich zuspitzenden gesellschaftlichen Entwicklung sind ausschweifende Verzierungen, geschweifte und gebogene Formen, sowie das Fehlen jeglicher Symmetrie die vorherrschenden Erkennungsmerkmale. Die Rocaille, eine asymmetrische Muschel dient als Sinnbild für die Formensprache des Rokoko mit seinen zierlichen, geschwungenen Linien und rankenförmigen Umrandungen. Das Rokoko gilt als erotisches Zeitalter, als Zeitalter der feinen, anschmiegsamen Eleganz. Auch die Mode spitzte sich zu, die Haarpracht wuchs gen Himmel, die Reifröcke wurden immer weiter, die Taillen schmaler und der Puderverbrauch wuchs ins Unermessliche. Die Antwort der Möbel auf die Reifröcke der Damen bestand im Zurückweichen der Armlehnen und in geschweiften Füßchen mit Schnitzereien oder Applikationen. Beliebtestes Motiv auch hier die Muschel, gefolgt von Tier- oder Pflanzenfüßen. Die Chaiselongue und der zweibeinige, an der Wand befestigte Konsoltisch, sowie die Poudreuse, der Frisiertisch der Damen, erobern die Räumlichkeiten. Zum Einsatz kommen Spiegelkabinette, schnörkelige Griffe in Rocailleform an Kommoden und farbig gefasste Möbel in zarten Pastelltönen mit Gold- oder Silberverzierungen. Alles Symmetrische ist verpönt. Der Ausklang des barocken Zeitalters ist heiter, hell, elegant und verspielt. Die Bauten werden kleiner, Repräsentatives wird getrennt vom Privatbereich. Weltliche Themen wie Feste oder Schäferszenen bestimmten die Sujets in der Malerei, die religiöse Malerei wurde immer stärker zurückgedrängt. Insbesondere die Pastellmalerei entsprach der Vorliebe für das Zarte und Duftige und stellte die favorisierte Maltechnik des Rokoko dar. Die französische Variante des Rokoko wird ab ca. 1730 als Louis-Quinze bezeichnet.

Überspitzungen erwarten Widerspruch. Im späten 18. Jahrhundert bestand diese Antwort in der Gegenbewegung des KLASSIZISMUS, in Frankreich unter LOUIS-SEIZE geführt. Wieder wird die Antike zitiert, erste Ausgrabungen und die damit einhergehende Erforschung der Antike führen zu streng gegliederten Gebäudeformen mit Säulen-Vorderfronten. Der Zopfstil unter dem deutschen Kunstschreiner David Roentgen ist das klassizistische Stilelement schlechthin. In der Architektur bestimmen monumentale, wuchtige Bauten das Bild.

Die Stilkunde & Zeitepochen-Tabelle

Die Zeitepochen im tabellarischen Überblick

Das EMPIRE ist streng genommen keine eigene Epoche, sondern wird als Variante des Klassizismus mit seinem strengen, auf Repräsentation ausgerichteten Stil angesehen und ist zeitlich von ca. 1805 bis 1830 anzusiedeln. Exotische Hölzer wie Mahagoni und Ebenholz treten in Verbindung mit feuervergoldeten Bronzen in Form von Löwenfüßen, Adlern und Viktorien auf. Aufklappbare Sekretäre und Beistellmöbel gehören zu den beliebten neuen Möbeln dieser Zeit.

Parallel dazu beginnt in Deutschland das Zeitalter des BIEDERMEIER (1815 bis 1850) mit seinen funktionellen Möbeln und klaren, architektonisch geprägten Formen. Auf Repräsentatives wird verzichtet, der Rückzug ins Private wie die entstehende Hausmusik oder schöngeistige Literaturabende im kleinen Kreis bestimmen auch die Form der Möbel. Die Möbel dieser Zeit sind schlicht, der Schwerpunkt liegt auf unprätentiösem bürgerlichen Komfort, aber von hoher handwerklicher Ausführung. Kleine Nähtische etwa oder Kommoden und Sekretäre waren sehr beliebt. Die ersten Bugholzmöbel Thonets entstanden, Schinkel galt als herausragender Architekt dieser Zeit und die Werke Carl Spitzwegs hingen in den Wohnzimmern des reichen Bürgertums. Die Möbel im Biedermeier sind zwar immer noch beeinflusst vom französischen Empire, vermeiden aber dessen dekorativen Überschwang und wirken in ihrer gut proportionierten Einfachheit und klaren Linienführung zum Teil sehr modern, was Ihre heutige Beliebtheit zu erklären vermag.

In Frankreich wurde anders gezählt – von 1830 bis 1848 galt LOUIS PHILIPPE als Namensgeber dieser Epoche und gleichzeitig als letzter König, nach dem ein Stil benannt wurde. Mit Aufkommen der industriellen Fertigung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden Möbel mit geraden Linien und abgerundeten Winkeln. Die unter Napoleon so beliebten Bronzebeschläge verschwanden und wichen großflächigen Furnierflächen. Bücherregale und Kommoden schmücken sich gerne mit einer Hohlkehle, im Fachjargon Kehlleiste genannt, in der sich Schubladen verbargen. Ahorn und andere helle Hölzer waren das bevorzugt eingesetztes Holz. Die handwerklich perfekten Kopien des Louis-quinze-Stils ermöglichten es dem Bürgertum sich leicht verspätet mit dem Glanz der vergangenen Epoche und höfischer Pracht zu schmücken.

Alle Regeln aus dem Sinn – Kopieren und Nachahmen ist im eklektischen Stil des HISTORISMUS/English style gefragt. Von 1870 bis 1890 griff man auf alle früheren Stilrichtungen zurück und kombinierte, was die Historie hergab. Säulen, Medusenköpfe und Akanthusblätter waren im Einsatz.. Holzverarbeitende Maschinen wie Hobel, Furnierschneider, Maschinen zum Drechseln und die Kreissäge erleichterten und ermöglichten die Anfertigung zu massentauglichen Preisen. Die Variante des dogmatischen Historismus dagegen forderte exakte Kopien früherer Möbel – diese werden mit Neugotik oder Neubarock sowie Neurenaissance betitelt.

Mit dem beginnenden Übertritt ins neue Jahrhundert wurde der Moderne der Weg geebnet. Der JUGENDSTIL gilt als deren Vorläufer, in Frankreich wird dieser Stil als „Art Nouveau“ geführt. Der Natur entlehnte, abstrahierte Formen bilden die Ornamentik des Jugendstils, die später von stärker geometrisch geprägten Formen abgelöst wird. Seinen Ursprung hat der Jugendstil in der Gruppierung um den Engländer William Morris, der mit Architekten und Künstlern zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine künstlerische Gegenbewegung zu industrieller Produktion initiierte. Die manuelle Fertigung der Objekte wurde dabei durch besonders rustikale Optik betont. Die Arts-and-Crafts-Bewegung steht insbesondere für die Einheit von Kunst und Handwerk. In Deutschland gelten die „Vereinigten Werkstätten“ als die Vertreter der Avantgarde um Richard Riemerschmid, Peter Behrens, Franz von Stuck u.v.a. die sich gegen die Nachbildungen des Historismus und seine fehlende künstlerische Eigenständigkeit wandten.

Als Zentrum des ART DECO ist eindeutig Paris zu benennen: Die dort 1925 stattfindende Ausstellung „Exposition Internationale des Arts Décoratifs“ gilt als Namensgeber und Startschuss für diesen der „Eleganz der Form“ zugewandten Stil. Ornamente werden spärlich eingesetzt und halten sich zugunsten der reinen Wirkung der kostbaren Materialien zurück. In den Anfängen des Art deco schwelgte man in edlen Materialien, lebte und wohnte mondän, war berauscht vom Leben und den vorliegenden Möglichkeiten. Exotische Materialien wie Schildpatt und mit Haifisch- oder Schlangenhaut bezogene Accessoires und Möbel galten als tres chic. Entwerfende Künstler und die Vertreter der Industrie fanden über die „Werkbünde“ zueinander und zu einer neuen Sachlichkeit des Stils. Als reiner Ausstattungs- und Luxusstil entstanden, wurde Art-deco gegen Ende der Phase immer mehr vom neuen Modernismus überlagert, dessen Hauptbestreben in der Funktion und nicht im Dekor lag. Die bahnbrechenden Entwürfe von Josef Hoffmann und Kolomann Moser, die Begründer der „Wiener Werkstätte“, begeistern die Avantgarde dieser Zeit und initiierten den Aufbruch in die Moderne.

| spk, 089Verlag

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