Das Kuriositäten-Kabinett

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Patrick Mauries, Verlag Dumont, 256 Seiten, Format 23 cm x 31 cm /HC

Wissensdurst, die Faszination des Unbekannten und die Suche nach dem Sinn des Lebens waren und sind der Motor kultureller und wissenschaftlicher Entwicklungen. Die Kunst und Wunderkammern des 16. Jh. sowie die Kuriositätenkabinette des 17. Jh. legen Zeugnis ab eben über jenes Bestreben der Menschen die Welt zu begreifen. Patrick Mauries zeichnet den Weg dieser Geschichte des Sammelns nach, beginnt seine Reise im 16. Jh. bei den Reliquiensammlungen kirchlicher Provenienz und endet in den Ateliers der Künstler des 20. Jh. Im Vordergrund seines Interesses steht weniger ein chronologischer Abriss der Entwicklung des Sammelns, denn die Motivationen, welche die Kaiser, Fürsten, Könige und andere Persönlichkeiten dazu veranlassten, ihre Sammlungen aufzubauen.

In Teil 1, dem „Welttheater“ geht es um inhaltliche Zielsetzungen, die Ästhetik des Sammelns und um die Präsentation der zusammen getragenen Schätze. Die Wunderkammer als Allegorie der Welt, als verbindendes Element zwischen Kunst und Natur, das den Nachweis eines übergeordneten Prinzips erbringen sollte. Religiosität, Aberglaube und philosophische Interpretationen waren in der Vergangenheit immer ein wesentlicher Aspekt bei der Bemühung, die Welt zu verstehen und spielten für die Sammler eine zentrale Rolle. Nicht selten waren sie beseelt von dem Wunsch ein gänzlich bruchloses Ebenbild der Schöpfung zu gestalten. Ein Blick in die verschiedenen Sammlungen zeigt kunstvolle Kabinettschränke, eigens gestaltete Räume, in der die Kunst das verbindende Element zwischen den verschiedenen Dingen sein sollte. In seinen Portraits diverser Sammler versucht sich Mauries in der psychologischen Analyse derselben und hier begibt er sich auf gefährliches Terrain. Auch wenn er die widersprüchlichen Geisteshaltungen und (angenommenen) Empfindungen der Sammler überzeugend dokumentiert, scheinen die Schlussfolgerungen wenig fundiert. Interessanter sind hier die verschiedenen großen Sammlerpersönlichkeiten wie Rudolf der II. von Österreich, Lorenzo di Medici, Herzog Albrecht von Bayern oder die Italiener Settala und Aldrovandi, deren Sammlungen zu den bedeutendsten zählten, sowie die Darstellung der Veränderungen innerhalb der Kunstkammern, die sich nach 1750 im Zeitalter der Aufklärung vollzog.

Kabinett aus seltenen und absonderlichen Stücken im Kloster Ste. Geneviève

Sir John Soane wandelte sein Londoner Privathaus in ein Museum um

Spezialisierte Sammlungsräume entstanden, Wissenschaftlichkeit und der Glaube an die Ästhetik lösten die geheimen Motive und naiven Theorien der Vergangenheit ab. Objekte, die einstmals im friedlichen nebeneinander existierten, wurden nun aufgeteilt in Naturalia, Scientifica und Artificialia. Der Kuriositätenkult verschwand zugunsten reiner Wissenschaftlichkeit. Die gesellschaftlichen Umwälzungen, Kriege, etc. führten zum Niedergang des Kuriositätenkults, das Wunderbare, einst einer der wichtigsten Motoren des Sammelns wurde zum Indiz der Ignoranz. Die Sammlungen selbst wurden lediglich als Ausdruck ästhetischen Empfindens gewürdigt. 1781 konstatierte Louis Sebastian Mercier in seinem Sittengemälde “ Le Tableau de Paris“ gar die Kommerzialisierung der Kunstkammern und erst im 20. Jh. wurden sie wiederbelebt. Diese Renaissance des Kuriosen bildet den Abschluss des Werkes und zeigt, wie sich Künstler des 20. Jh. wieder mit dem Verhältnis von Kunst und Natur auseinandersetzen und sich die Ästhetik der Wunderkammern plötzlich in den alltäglichen Interieurs wieder fand.

Unterlegte zeichungen schmücken die Buchseiten

Mauries Werk ist ein schwieriges, denn den Ansprüchen eines interessanten Bildbandes wird es nicht gerecht, sei es, weil die Zahl der Wunderkammerobjekte recht gering ist und der Focus auf Zeichnungen von Wunderkammern oder -objekten und Malerei liegt. Die grafische Gestaltung des Buches ist äußerst bescheiden, zumal der oft mit Stichen hinterlegte Text das Lesen zu einem mühsamen Unterfangen macht. Interessierten wird sicherlich ein Einblick in die Geschichte des Kuriositätenkabinetts gewährt und zu den Stärken des Buches gehört, dass es sich auch mit den geistesgeschichtlichen Hintergründen beschäftigt und nicht nur mit historischen Fakten, auch wenn es manchmal an Systematik fehlt und vieles an der Oberfläche bleibt. Dies sollte ihm aber nicht zum Nachteil gereichen, denn dafür sind Fachbücher zuständig. Eine aussagekräftige Bebilderung wäre aber durchaus wünschenswert gewesen. So bleibt es am Ende ein Werk, das nicht geeignet ist, die Faszination zu vermitteln, welche die Objekte der Wunderkammern und Kuriositätenkabinette auszulösen vermögen. Wer vergleichen möchte, dem sei Scientifica von Georg Laue empfohlen.

al | 089verlag

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