Das Julius Exter-Künstlerhaus in Übersee

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Rückwärtiger Blumenweg mit Blick auf die Veranda

SOMMER MUSEUM. Bayerns Giverny – das Künstlerhaus Exter in Übersee. Dahlien statt Seerosen und an Stelle eines brückenüberspannten Seerosenteichs gibt es nur die alte Badewanne des Künstlers. An Attraktivität steht das Atelierhaus von Julius Exter seinem Gegenstück in Frankreich jedoch nicht nach. Ausschließlich von Mai bis September geöffnet, beherbergt das um die Jahrhundertwende von Exter zum Atelier- und Wohnhaus umgebaute alte Bauernhaus heute die Galerie Julius Exter, das Museumsatelier und gibt Einblick in die ehemaligen Wohnräume sowie den Künstlergarten.

Das große Atelier, links ein Portrait von Harada Naojiro

In einem Nebenraum des großen Atelierraums stehen die Farben und Malutensilien wie soeben vom Künstler verlassen, Besucher meinen das Gelächter der fröhlichen Malrunde aus vergangener Zeit zu vernehmen. Töchter aus gutem Haus, talentierte Schüler und Malerkollegen gaben sich hier in der Sommerfrische ein Stelldichein. Die im Garten Modell sitzenden ‚Nackerten’ allerdings waren Objekte argwöhnischen Interesses im Dorf. Den durchs Gebüsch heran robbenden Jungen zur Freude, den Alten zum Mißvergnügen. Diesem Misstrauen wusste Exter geschickt durch kleinere und größere Spenden zu begegnen, quartierte seine Schüler als Logiergäste in den umliegenden Privathäusern ein und wurde als willkommenes Mitglied der Dorfgemeinschaft geschätzt. Auch über mangelnden Erfolg seiner Malschule konnte sich Exter bis zum Einsetzen des ersten Weltkrieges nicht beklagen. Als ‚Farbenfürst’ benannt ging er in die Annalen der kleinen Gemeinde ein.

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Die Malschule des Professor Julius Exter

1902 wurde das ehemals als ‚Stricker-’ oder ‚Schwabenhäusl’ bezeichnete Bauernhaus von Julius Exter (1863-1939) erworben und zunächst als Sommerdomizil genutzt. Exter baute das Haus vielfach um, erweiterte das ursprüngliche Anwesen durch Zukäufe aus der Nachbarschaft. Parallel zu den Hausumbauten wurde der farbenprächtige Künstlergarten angelegt. 1903, der Maler ist seit fünf Jahren mit seiner Frau Anna verheiratet und Tochter Judith geboren, belegen Auszüge aus seinem Rechnungsbuch, dass die Veranda angebaut und das Atelier ausgebaut wird. Als größter Eingriff gilt dabei der Einbau des Ateliers in den ursprünglichen Heuboden. Dieses über zwei Geschosse reichende Atelier ist auch heute noch der charismatische Mittelpunkt des Hauses.

Blick vom großen Atelier auf Leselektüre und Malutensilien

Den Einträgen und zahlreichen Verkaufsquittungen ist es zu verdanken, dass sich das Leben und Wirken Julius Exters in Feldwies so exakt nachvollziehen lässt: neben sechzehn Fuhren Kies und Holz für den Gartenzaun kaufte Exter dreizehn ‚Rosenstangel’, hundert Himbeersträucher, sechs Brombeersträucher, dreißig Johannisbeersträucher und diverse Pyramidapfel- und Birnbäume ein – die Grundstruktur des Gartens wurde angelegt. Im Jahr darauf sind es Dahlien (die seinerzeit noch als ‚Georgien’ bezeichnet wurden), Rosen, Oleander, Kunstdünger, Blumenstäbe und Gartenstühle, um nur einige der belegbare Einkäufe zu benennen. Auch Spenden für den Dampfschiffssteg, den Steg zum Bad, die Freiwillige Feuerwehr und andere dörfliche Vereine sind belegt, letztere sicherten ihm das Wohlwollen der Gemeinde. Da durften die legendären Seefeste des mittlerweile zum Professor ernannten Malers auch einmal etwas wilder werden…

Die private Kakteen-Sammlung der Künstlerhaus-Vorsitzenden Monika Kretzmer-Diepold

Exter gilt als Mitbegründer der Münchner Secession, der Vereinigung avantgardistischer Münchner Maler, die abwichen von der Mallehre des strengen Klassizismus. Seine frühen Arbeiten zeigen klare Bezüge zum Historismus, zur Genremalerei der Münchner Schule und den impressionistischen Phasen seines Schaffens. Dementsprechend finden sich religiöse und symbolhaltige Märchenmotive, großformatige Portraits, frühe Akte in der Natur und die angesprochenen Genredarstellungen auf den Bildern dieser Schaffensperiode. Neben Portraits wurde zunehmend die Landschaft rund um den Chiemsee und vor allem der Blumengarten mit seiner Farben- und Formenpracht bevorzugtes Sujet. Exter gelang es das glühende Farbenspiel der Dahlien- und Rosenblüte auf seinen Gemälden festzuhalten. Intensive, leuchtende Farben mit breiten Pinselstrichen gesetzt, wurden zum Markenzeichen des ‚Farbenfürsten’ Julius Exter. Die Landschafts- und Gartenbilder zeigen dabei eine ausgesprochen detailgenaue und facettenreiche Wiedergabe. Zu Recht betitelt das 1998 erschienende und nur noch im Antiquariat erhältliche Buch von Elmar D. Schmid das Werk Exters als ‚Aufbruch in die Moderne’ – er gilt als erster Maler des Expressionismus im süddeutschen Raum. Wie kein anderer Maler seiner Zeit vermochte er die vielfältigen Strömungen zu einem gänzlich neuen, abstrahierenden Stil zu bündeln.

Skulptur von Julius Exter

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs musste die Malschule wegen ausbleibender Schüler geschlossen werden, Exter siedelte 1917 komplett von München nach Feldwies-Übersee. Der üppige Blumengarten wich einem Nutzgarten, Exter malte verstärkt die ihn umgebenden Landschaften und schuf in dieser eher schwierigen Lebensphase eine unvorstellbare Fülle farbenprächtiger Gemälde. Nach dem Tod Julius Exters im Jahr 1939 bewohnte seine zwischenzeitlich geschiedene, aber mit Einbruch des Krieges zurückgekehrte Ex-Frau Anna und Tochter Judith das Haus. Mit dem Tod von Judith 1975 fiel das Exter-Haus auf ihren ausdrücklichen Willen an die Bayerische Schlösserverwaltung, da sie das Gedenken an das Schaffen ihres Vaters und Malers Julius Exter gewahrt wissen wollte. 1980 wurde daraus ein Museum mit Galerie, betrieben von dem Verein „Kunsthaus Übersee-Feldwies e.V.“. In Zusammenarbeit der Bayerischen Schlösserverwaltung und des Staatlichen Bauamt Traunstein wurde das alte Haus mit großer Detailtreue innen wie außen in der ersten Fassung Exters um 1905 restauriert und steht heute der Öffentlichkeit innerhalb der festgelegten Öffnungszeiten zur Verfügung.

Antikes aus Bayern im ehemaligen Waschhaus

Bei einem Besuch des Julius-Exter-Museums sollte dem Garten ein besonderer Blick gelten. Wie früher der Hausherr selbst, dürfen heute die Besucher im Garten Ausschau halten nach den schönsten Blickwinkeln und sich auf dem ‚Blumenweg’ durch die 250m lange Blumenrabatte dem Haus zuwenden. Die Wiederherstellung des Exter-Blumengartens ist der Künstlerhaus-Vorsitzenden Monika Kretzmer-Diepold zu verdanken. Selbst leidenschaftliche Gärtnerin rekonstruierte sie nach historischen Gemälden, Fotos und anderen Quellen. Mit Exter teilt sie seine Vorliebe für Dahlien, Rosen und Phlox und ergänzt diese durch viele andere Staudenarten und einjährige Pflanzen um den gemalten Impressionen möglichst nahe zu kommen. Je nach Jahreszeit entflammt dieser
typische Bauerngarten in gelb und weiß und bietet im Sommer das gesamte Farbspektrum von blau nach rot mit Päonien, Lilien, Iris, Rittersporn, Malven und vielem mehr. Zusammen mit ihrer privaten Sammlung von über eintausend Kübelpflanzen ergibt sich ein überwältigender Eindruck. Geranien neben Agapanthus neben Hortensie neben Kakteen – in der kalten Jahreszeit überwintern die Topfpflanzen im Haupthaus und dem kleinen Ateliergebäude. Im Sommer wird ausgepackt und neu arrangiert. Im Waschhaus im Hof findet dann ein kleiner Antik-Verkauf statt. Die alte Badewanne vergangener Zeiten dient heute als Tauchbecken für die Pflanzen. Eine Blutbuche, vom Hausherrn Exter für 4 Mark gekauft, spendet auch heute noch Schatten.

| spk, 089VERLAG

 

Rundgang durch den hochsommerlichen Garten, die Galerie, Exters Wohn- und Atelierräume in Übersee… Der Bericht basiert auf unserem Besuch im Sommer 2011, Monika Kretzmer-Diepold ist möglicherweise diesen Sommer nicht mehr vor Ort, ihr grüner Daumen wirkt jedoch hoffentlich nach…

Prof. Julius Exter-Künstlerhaus in Übersee, Blumenweg 5, 83236 Übersee-Feldwies, Tel. 08642-8950-83

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