Sabine Thümmler

Tapetenkunst

Staatliche Museen Kassel/ Edition Minerva, 196 Seiten, Format 28,5 cm x 23cm /HC

Französische Raumgestaltung und Innendekoration von 1730 -1960. Die gleichlautende Ausstellung im Deutschen Tapetenmuseum Kassel zeigt ca. 170 der papierenen Exponate aus der neu erworbenen Sammlung Bernard Poteau, die sich als echter Glücksgriff für das Museum erwiesen hat, ergänzt und komplettiert sie den bisherigen Bestand des Museums doch perfekt. 

Tapeten als Spiegelbild der Geschichte – verschmäht, heruntergerissen und ungeliebt sobald die Mode und Gepflogenheiten wechselten. Vor diesem Hintergrund sind die ca. 3000 zusammengetragenen Tapeten Bernard Poteaus als besonders kostbar anzusehen. „Feine, phantasiereiche Dekore des Rokoko wechseln mit opulenten Wanddekoren aus der Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihren Marmorsäulen, üppigen Gärten und Landschaften. Delikate Arabeskentapeten aus der Zeit vor 1800 werden ebenso vorgestellt wie die farbsprühenden Muster des 20. Jahrhunderts. Eine breite Palette der verschiedenen Techniken und Effekte entfaltet sich: Lack, Gobelin, Holzfurniere und Marmor wurden in spielerischen Variationen imitiert und auf Papier gedruckt. Aus all dem erschließt sich die Geschichte der französischen Tapete sowie der Innendekorationen aus über drei Jahrhunderten“ – soweit der Infotext Sabine Thümmlers, der Leiterin des Deutschen Tapetenmuseums, auf dem hinteren Rückumschlag, der treffender nicht formuliert werden kann und deshalb auszugsweise verwandt wurde.Fragmentarisches Dominopapier, dem Vorläufer der Tapetenkunst

Gleich mit dem Einstieg Thümmlers in die Ursprünge der Tapetenkunst, in die der Dominopapiere, deren Name sich wahrscheinlich ableiten lässt von den ab 1400 für den Devotionalienhandel in gleicher Technik hergestellten Heiligenbildern, war mein Interesse geweckt, der Bezug zu bereits Gesehenem hergestellt. Über eine erst kürzlich entdeckte Schachtel, vom Händler als „beklebte Schachtel aus dem 17. Jahrhundert „de“-klassiert, lässt sich die Bedeutung der Tapete über die Funktion eines bloßen Wandschmucks hinausgehend, erkennen. Tapeten waren Spiegelbild der Gesellschaft und stellen zudem quasi die Quintessenz des handwerklichen Geschicks der jeweiligen Zeit dar. Die Muster- und Anwendungsbögen und –Bücher früher Tapetenhersteller machen den Zeitbezug zu Mode, Architektur und Kunst deutlich und lesen sich damit spannender als mancher Krimi.

Vasenmotiv zum Ausschneiden, Frankreich um 1830Zwei Bahnen aus einem Mittelpanneau, Gesamtansicht oben rechts

Der von dem Ausstellungskatalog zeitlich zu bewältigende Abriss von 1730 – 1960 ist zugleich auch der einzige Minuspunkt dieses Buches. Zu schnell wird die Reise durch die Entwicklungsgeschichte des Tapetendrucks vor allem gegen Ende der letzten Etappen. Man möchte laut protestierend auf Pausen beharren, Station machen bei den „Rosen des Second Empire“, sich vertiefen in die „Neostile des Historismus“, mehr erfahren über Rokoko und Frühklassizismus, als die Papiertapete noch als Luxusware galt. Mehr erfahren auch über die Polstertapete, die eine gepolsterte Seidenwandbespannung imitiert oder die Abbildung einer weiß-blau gestreiften Draperie, bei der der gestreifte Stoff „horizontal gefältet und in der Mitte der Bahn von Agraffen zusammengehalten ist, während Rosetten seine Gewebekante auf den vertikalen Profilen fixieren“. Über irisierende Tapeten, die glänzender Atlaseide nachempfunden sind und über Objekte wie die rote, monochrome Velourstapete von 1860, die schimmerndem Seidensamt ähnelt und durch den Gegensatz des matten Velourauftrags und dem glänzenden, satinierten Fond besticht.

Das Buch hätte statt des schnellen, etwas tristen und lieblos gehaltenen Ausklangs über die Gebrauchstapeten der 50iger Jahre ein optisch fulminantes Ende verdient gehabt. Doch leider ticken Historiker nicht wie der interessierte Leser – da mit dem Ende des Leimdruckverfahrens auch die Sammlung Bernard Poteaus endete, fühlte man sich dem zeitlich korrekten Ausklang wohl verpflichtet. Unabhängig von dieser winzigen kritischen Anmerkung ist „Tapetenkunst“ ohne Einschränkungen zu empfehlen – sowohl für Grafiker und Gestalter, die nach Anregungen suchen, als auch für Antiquitätenhändler und Liebhaber antiker Exponate.

| spk, 089VERLAG