Geschichte zum Anfassen

Taschen – die große Sonderausstellung im Bayerischen Nationalmuseum

"Taschen. Eine europäische Kulturgeschichte vom 16. bis zum 21. Jahrhundert” – die große Sonderausstellung 2013 im Bayerischen Nationalmuseum stand ganz im Zeichen dieser kleinen, wichtigen Accessoires, die Aufschluss geben können zu Stand, finanzieller Situation des Trägers und zur Geschichte im Besonderen. Rückschlüsse von der Handtasche auf die Persönlichkeit des Besitzers schließen zu wollen dürfte dagegen erst der neueren Zeit vorbehalten sein. Mit einer Sammlung von mehr als 4.000 Taschen ähnlicher Güte lädt das Taschenmuseum in Amsterdam dauerhaft ein...

Gefertigt aus Leder, Metall, Leinen, Samt oder Seide sind die eleganten historischen Stücke aus der Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums oft aufwendig mit Gold- und Silberfäden, Perlen, Applikationen und Bändern verziert und geben wichtige Informationen über Mode, Handwerkskunst und gesellschaftliche Zusammenhänge. Die Tasche als Kulturgut und nicht nur als modisches Accessoires wie in heutiger Zeit... Gezeigt werden frühe Geldbeutel, Jagdtaschen, Handarbeitsbeutel, Reisetaschen und so genannte Pompadours. Dazu Geldbörsen und kleine Aktenmappen aus Barock, Rokoko und Klassizismus, bis hin zu modernen Damenhandtaschen der 60er bis 90er Jahre.  Vom Geldsack des frühen 16. Jahrhunderts bis zur Kellybag führt die Ausstellung die Vielfalt von Formen und Materialien des facettenreichen und zugleich funktionalen Accessoires vor Augen – eine europäische Kulturgeschichte im Taschenformat.

Aktenmappe, Paris um 1810, ©Bayerisches Nationalmuseum

Ganz oben abgebildet beispielsweise eine Börse mit Metallstickerei, Seidengewebe, Pergament, Posamentenarbeit, Seidenflechtkordel aus Italien, um 1660-1680, darunter die Aktenmappe von Maximilian Graf von Montgelas (1759-1838), in Leder, mit Messingschloss und -beschlägen, Seidenkordel, Karton, aus Paris, nach 1809.

'Form follows function', damals wie heute.

Die Taschenmode früherer Epochen orientierte sich in erster Linie am Gebrauch und folgte zunächst weniger modischer Gesichtspunkten. Die ledernen Geldtaschen und Geldbeutel des 16. Jahrhunderts waren gedacht, um Geld und persönliche Gegenstände aufzubewahren. Taschen von Männern waren direkt am Gürtel befestigt, Frauen des Bürgerstandes trugen ihre Geldtaschen in Form von Beuteln meist an langen Riemen oder Ketten, mit denen sie an ihren Röcken baumelten. Ein gut gefüllter Geldsack war gleichzeitig Standessymbol. Geldtaschen waren mit kleinen Zugbeuteln ausgestattet, um Münzen unterschiedlicher Währungen getrennt aufbewahren zu können – jedes Territorium im Heiligen Römischen Reich besaß seine eigenen Münz- und Maßeinheiten. Große, breite Gürteltaschen aus Leder, mit Laschen am Gürtel befestigt, wurden nur von Männern getragen. Der Kaufmann bediente sich ihrer ebenso wie der einfache Händler, Handwerker oder Bauer. Daneben gab es auch große, lederne Zugbeutel, die an langen Riemen quer über der Schulter getragen wurden. 

Die Jagdtaschen des 17. Jahrhunderts waren große, trapezförmige Taschenbeutel, an denen runde oder ovale Metallbügel angebracht waren und alle Jagdutensilein enthielten. Brieftaschen dagegen dienten Männern und Frauen zur Aufbewahrung von Briefen und sonstigen persönlichen Papieren – aus ihnen entstand die Form der Kuvertbrieftasche, die Männer in ihrer Rocktasche mitführen konnten. In den Applikationen finden sich bei Brieftaschen wie bei den Börsen häufig Bildmotive, die auf die Herkunft als Liebes- oder Freundschaftsgaben schließen lassen. 

Brieftasche mit Seidenstickerei um 1750, ©Bayerisches Nationalmuseum

Die Brieftasche mit Seidenstickerei oben stammt aus Frankreich und ist der Zeit um 1750 zuzuordnen, meist wurden sie aus Seidengeweben gefertigt. Daneben waren auch solche aus rotem Leder mit Stickerei beliebt, die oft den Schriftzug mit dem Entstehungsort „Constantinople“ sowie den Namen ihres Besitzers und eine Jahreszahl aufwiesen. Offenbar handelte es sich hierbei um Souvenirs westlicher Reisender. Die französische Bezeichnung „Portefeuille“ für diese Brieftaschen wurde auch im deutschen Sprachgebrauch übernommen. Als die Mode für Männerröcke in den späten 1760er-Jahren einen engeren Schnitt bevorzugte, kamen flache Klappbrieftaschen mit Innenfächern auf. 

Wie die Mode auch die Form der Taschen beeinflusste zeigen die Umbindetaschen des 18. Jahrhunderts. Als gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Oberröcke der Damenkleider hochgerafft  und die darunter getragenen Rock sichtbar wurden hätten ausladende Gewandtaschen die nun betont schmale Silhouette empfindlich gestört. Deshalb wurden separate, große Taschenbeutel entwickelt, die nicht mehr wie bisher in die Röcke eingenäht waren. Sie bestanden aus zwei flachen Teilen, jeweils mit einem vertikalen Schlitz als Eingriff. Mit einem langen Band konnten diese Taschen so um die Taille gebunden werden, dass sie kaum auftrugen. Sie erwiesen sich als sehr praktisch und man behielt sie auch unter den weiten Damenröcken des 18. Jahrhundert bei. Meist wurden die Umbindetaschen von den Trägerinnen selbst gefertigt und liebevoll bestickt. Kleinere Börsen waren für Münzgeld bestimmt. Obwohl diese nicht sichtbar am Körper getragen wurden, waren sie aus kostbaren Geweben gefertigt und meist prächtig bestickt. Wurde eine solche Börse aus der Tasche geholt, um eine Münze herauszunehmen, verfehlte sie sicherlich nicht ihre Wirkung und vervollständigte das repräsentative Gesamtbild vornehmer Damen und Herren. Die beliebteste Form stellte im 18. Jahrhundert die schildförmige Bügelbörse dar. 

Perlenbeutel & Ridicules des 19. Jahrhunderts

In die gestrickten Arbeitsbeutel und Pompadours wurden zunehmend Glasperlen in kleinen, einfachen Mustern eingearbeit. Zunächst verwendete man Perlen in nur einer Farbe, später auch mehrere Farben. Und schließlich wurden ab ca. 1815 Beutel mit vollflächiger Perlenstrickarbeit gefertigt. Für Männer gab es entsprechende Perlentabaksbeutel, die im Allgemeinen in denselben Mustern wie die Beutel für die Frauen angelegt waren. Neben der Perlstrickerei wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Perlenarbeiten in Häkeltechnik beliebt. 

Die um 1800 zunächst als große Beutel angelegten Ridicules (von frz.-lat. „réticule“ = Netz, aber auch „ridicule“ = lächerlich, neckisch), entwickleten sich schon bald kleiner, flacher und wurden mit Kettchen am Handgelenk befestigt. Daneben gab es zierliche Zugbeutel, die ab ca. 1810 erstmals als „Pompadours“ bekannt und als modische Accessoires im ganzen 19. Jahrhundert beliebt waren.  In den 1860er-Jahren waren kleine Kuverttäschchen modern, die an Kordeln oder Ketten in der Hand gehalten oder am Gürtel befestigt wurden. Der Historismus ließ in den 1870er- und 1880er-Jahren die Geldtasche des 16. Jahrhunderts wieder aufleben. Die ersten Damenhandtaschen im modernen Sinne mit Metallbügel und Henkel entstanden um 1875 und waren bis zur Jahrhundertwende sehr klein. 

Handtasche mit kunststofflaminiertem Zeitschriften-Cover, ©Bayerisches Nationalmuseumver

Handtasche aus den 60ern,©Bayerisches Nationalmuseum

Taschen des 20. und 21. Jahrhunderts

Um 1900 entstand die erste Handtasche in der Form, wie wir sie noch heute kennen: in praktischer Größe aus Leder gefertigt, mit Metallbügel und Lederhenkel. In den 1920er-Jahren korrespondierte die Unterarmtasche in geometrischem Dekor mit der modischen Linie der knabenhaft schlanken Frau – Der nostalgische Laden von Slivia Helling.....xncewiorfewfner  er3rurl  irrhqurr. Im Laufe der 1930er-Jahre bevorzugte man immer größere Handtaschen, nun gerne wieder mit Henkel. War die veränderte Größe zunächst eher der Mode geschuldet, so stand während der Kriegs- und Nachkriegszeit der praktische Nutzen einer geräumigen Handtasche im Vordergrund. Neueren Datums sind auch die beiden abgebildeten Taschen aus der Sammlung von Ingrid Loschek, der 2010 in München verstorbene Professorin für Modegeschichte und Modetheorie. Abbgebildet sind eine Handtasche aus den 60er Jahren aus Kunststoff und Metall aus den USA und die Handtasche in Zeitschriftenformat aus den 80ern in Thermoplast, Zeitschriften-Cover, Synthetikgewebe, Lederverschluss aus Italien 1973. Ähnliche Vintage-Taschen dürfte Tricia Leonhard auf ihrem Stand beim Sommerfest des Bayerischen Nationalmuseums mit sich führen...

Wen das Faible für Taschen und Täschchen nach dem Sommerfest des Bayerischen Nationalmuseums packt: Palma Kunkel und der herrlich stimmungsvolle Antiquitätenladen von Margit Muggenthaler beispielsweise halten ausgewählte bis günstige Exponate in petto, die zum Teil durchaus mithalten können mit den musealen Pendants. Den Charme früherer Zeit besitzen sie in jedem Fall...

| Text Susanne Perk-Kuhlmann

089TIPP!! Textile Antiquitäten sind Thema auch bei Eva und Peter Ziegler, die Amish Quilts musealer Qualität zu ihrem Spezialgebiet gemacht haben und Interessierte gerne in Hemhof am Chiemsee begrüßen.