Nina Gockerell

Krippen im Bayrischen Nationalmuseum

Hirmer Verlag, Fotos von Walter Haberland, 17,5 cm x 24,5 cm/broschiert, 384 Seiten Verlag Hirmer

Kein Mensch des christlichen Abendlandes kann sich Weihnachten ohne die Krippe unterm Tannenbaum vorstellen. Es ist die berühmte Ironie der Geschichte, dass wir diese christliche Tradition der reformorientierten Aufklärung der  Neuzeit zu verdanken haben, die doch den Menschen aus geistigen, von Autoritäten bestimmten Zwängen befreien wollte, und selbst nicht ohne Zwang auskam. Über ein Jahrhundert lang fanden sich Krippen ausschließlich in Kirchen, Klöstern und Schlössern. Da die Aufklärung sich u.a.  gegen fromme Bräuche richtete und somit gegen die kirchliche Autorität, endeten die Reformbestrebungen schließlich in einem Verbot der Krippen, in Bayern kam es dazu im Jahre 1803. Viele der barocken Kirchenkrippen, die aus den Kirchen entfernt werden mussten, bekamen nun  in Privathaushalten „politisches Asyl“. was früher oder später dazu führte, dass die meisten Christen nun auch ihre eigenen Krippen besitzen wollen. Erst dadurch  entstanden die ersten Krippen en miniature, wie wir sie heute als Selbstverständlichkeit unter den Weihnachtsbäumen kennen.

Im bayerischen Nationalmuseum befindet sich eine der bedeutendsten Krippensammlung der Welt. Volkskundlerin Nina Gockerell und der Photograph Walter Haberland haben die Geschichte dieser Sammlung, aber vor allem die Entwicklung der Krippe im Laufe der Jahrhunderte bis heute, hervorragend dokumentiert.

Die Reise führt den Leser vom 3. Jh.,  den frühesten Darstellungen der Geburt Christi über die Geschichte der Krippen zu der Sammlung im bayerischen Nationalmuseum, die die meisten Exponate dem Münchner Kommerzienrat Max Schmederer verdankt, der bereits 1880 dies-  und jenseits der Alpen Krippen gesammelt hatte. Im ersten Teil des Werkes erfährt der Leser allerhand Wissenswertes über die weihnachtlichen Miniaturen: Josef, zum Beispiel, war nicht von Anfang an mit von der Partie. Das weihnachtliche Ensemble bestand aus Maria, dem Jesuskind, Ochs und Esel, wobei die beiden letzteren einer frühchristlichen Propheteninterpretation entstammen und die unvernünftige Kreatur verkörpern, die trotz ihrer Unvernunft ihren Schöpfer erkennt, während die Menschen ihn verstoßen. Josef durfte erst seit den Offenbarungen der heiligen Brigitta mitspielen, was, so die Autorin, wohl auch dem allgemeinen Wunsch entsprang, das ganze etwas menschlicher darzustellen. Dies nur als Anregung dafür, sich nicht nur von den Bildern des Werkes einfangen zu lassen, sondern auch im Textteil zu schmökern.

Ausgesprochen interessant sind auch die Ausführungen über die Besonderheiten der einzelnen Krippen aus Bayern, Tirol, Neapel und Sizilien, welche im Katalogteil photographisch dokumentiert und erläutert werden. Die Autorin arbeitet politische, religiöse und gesellschaftliche Ursachen für den gänzlich unterschiedlichen Verlauf der Krippenentwicklung dieser Regionen heraus, dies kurz, prägnant aber nie langweilig. Interessant ist diesem Zusammenhang vor allem, welche Auswirkungen die Umwälzungen der Geschichte auf eine doch heute so selbstverständliche Inszenierung wie ein Krippenspiel haben konnte.

Im Katalogteil hat Walter Haberland die religiösen Hauptdarsteller wunderbar in Szene gesetzt. Krippenfiguren und Krippen präsentieren sich, perfekt ausgeleuchtet, in ihrer ganzen Pracht. Papierkrippen, Katenkrippen, ganze Szenerien oder nur das einzelne Jesuskind im Rokokokästchen.... Tonfiguren oder aus Holz geschnitzt, einfach gefasst oder in prunkvollem Ornat, naturgetreue Kleidung, die bis ins Detail genau verarbeitet wurde. Entstanden ist ein absolut sehenswerter Band, der einen Einblick in die Krippengeschichte vermittelt und sicher viele Leser inspiriert, sich die sakralen Schätze im Original anzusehen. Literarisch Interessierten steht im Anhang eine Auswahl weiterführender Literatur zur Verfügung.

Text | Antje Lehner