Münchner Museen

Glas der Antike – Jahrtausende alte Glaskunst in München

Spätrömischer Glasbecher, römisches Glasfläschchen ca. 4. – 5. Jh. n. Chr.,*

Spurensuche nach einzigartigen Antiquitäten aus Glas in München. Die Faszination einen zerbrechlichen, gläsernen Gegenstand in Händen zu halten, der mehrere tausend Jahre überdauert hat. Der als Grabbeigabe Wertschätzung erfahren hat oder im Wüstensand versunken, von dem Niedergang einer Kultur erzählen kann – Geheimnisse wie diese sind es, die antike Objekte in den Fokus des zukünftigen Sammlers rücken und zu den Hauptdarstellern unserer Recherche werden lassen. Manche der angesetzten Preise sind unvorstellbar niedrig und mögen fast Angst schüren vor dem Erwerb einer Fälschung. Ein großes Internet-Auktionshaus trägt mit seinen Angeboten zu ‚Funden aus der Antike’ nicht unbedingt zur Verbesserung der Reputation bei. Anlass für uns sich auf die gläserne Spurensuche in der Staatlichen Antikensammlung der Glyptothek München nach dem Glas der Antike zu begeben...

Erste Glasfunde gehen bis in die Steinzeit zurück und beruhen auf der Bearbeitung von Fulgurit, einem natürlich vorkommendem Quarzglas: durch Blitzeinschlag in Lockersedimente wie beispielsweise Sand werden diese auf bis zu 30.000°C erhitzt, schmelzen und erstarren durch rasche Abkühlung schließlich zu Quarzglas. Fulgurite sind innen hohl, die größten Funde sind bis zu 5m lang und in Deutschland im Lippischen Landesmuseum in Detmold zu bestaunen. Durch Meteoriteneinschlag kam es vereinzelt durch Gestein-Aufschmelzungen zur Bildung von Glasschichten, zu der das einzigartige Wüstenglas aus der libyschen Wüste zählt. So soll beispielsweise der Skarabäus eines Brustschmucks Pharao Tutanchamun daraus hergestellt worden sein. Doch auch weniger spektakuläre Artefakte wie kleine Schmuckstücke, Pfeilspitzen und Schalen wurden aus diesen steinzeitlichen Glasfunden gefertigt.

Um dem zunächst noch undurchsichtigen Glas Farbe zu verleihen, mischten die Hersteller pulverisierte Halbedelsteine bei. Dieses frühe Glas wirkt wie bunter Stein, weshalb man es auch als 'geschmolzenen Stein' bezeichnete  – diese Wirkung ist bei dem kerngeformten Alabastron und der kleinen Amphore in der Bildergalerie gut zu ersehen. Verfeinerte Herstellungsmethoden färbten das Glas späterer Zeit durch Zugaben von Metalloxiden. Blaues Glas enthält Kobalt, Antimon-Zusätze ergaben undurchsichtiges, weißes Glas. Mangan und Antimon wurden eingesetzt, um die natürlichen Eisenverunreinigungen im Glas zu neutralisieren und klares Glas zu erhalten. Die Zugabe von Soda wiederum setzte den sehr hohen Schmelzpunkt von Quarz deutlich herab. Das Soda wurde allerdings im Laufe der Jahre ausgewaschen, das Glas war schlechter haltbar und vertrübte sich.  

Mit Sandkern-Methode gefertigt

Privatsammlung Oliver HabelDie ältesten Funde künstlicher, durch den Menschen geschaffener Glasartefakte werden etwa 3000 bis 4000 Jahre v. Chr. datiert, speziell in ägyptischen Königsgräbern wurden Glasperlen und Amulette entdeckt. Erste Hohlgläser und andere Glasgefäße sind seit 1500 v. Chr. bekannt und galten als ausgesprochene  Luxusware. Die Herstellung war aufwendig, wohl gebräuchlichste ist die Methode über kermgeformte Gefäße anzusehen. Um einen Stab wurde aus Sand, unter Zugabe bindender Materialien wie Ton, Lehm oder auch Dung, ein Kern gefertigt, dessen Hohlkörper der Form des späteren Glases entsprach. In flüssiges Glas getaucht, oder mit vorgefertigten Glasfäden umwunden (Fadenglas), entstand so das Glasgefäß. Oder es wurde kaltes, pulverisiertes Glas auf den Sandkern aufgebracht, erhitzt und verschmolzen. Um Henkel oder Standfüße anzubringen erhitzen die Handwerker das Material, fügten Zusätze an, bearbeiteten die Übergänge und glätteten diese. Verzierungen entstanden durch ‚Kämmen’ der Oberfläche oder das Einlegen von Goldband (Goldbandglas) in den bereits vorgefertigten Korpus zwischen zwei Glasschichten. Äusserlich angebrachte Glasfäden dienten als Verzierung. Als letzter, mühsamer Arbeitsschritt wurde der Sandkern ausgekratzt. Das hier abgebildete kerngeformte, kostbare Alabastron (kleines, längliches Salbgefäß) mit Henkel und Faden-Dekor entstammt der Privatsammlung Habel, Numisart München ist auf  ca. 400 v. Chr. und einen Wert von ca. 5.000,- Euro zu datieren. Das Salbgefäß dürfte eine Höhe von ca. 10 cm besitzen. Das Dekor ist aufgespult, dazu wickelte man einen durchgehenden weißen Glas-Faden von oben nach unten und zog den Faden dann mit einem Kamm zu einem 'Fadenmuster' auf. 

"Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche von Pflanzen, 5 Teile Kreide und du erhältst Glas"

Römische Rippenschale, ca. 1.Jh. n. Ch.

Rippenschale, Antikensammlung MünchenNeben den aus einem festen Glasblock geschnittenen Objekten war die Fertigung von ‚Bandglas’ üblich. Dabei wurden die zuvor bereits beschriebenen, durch Einlegungen kunstvoll verzierter Glasstangen oder –bänder, in einer Form miteinander verschmolzen. Die z.T. bereits aus dieser vorchristlichen Zeit stammenden Rippenschalen erlangten durch das in ‚Form pressen’ oder durch Formguss ihr Namen bestimmendes Dekor.  Auch auf Töpferscheiben wurden Rippenschalen erstelt: Man senkte einen Glasballen über einer Form ab, bei langsamen Drehbewegungen wurden dann mit einen Stab Rippen eingekerbt. Das spröde, leicht zerspringende Material erlaubte seinerzeit in der Regel nur die Fertigung kleinerer Behältnisse, die zur Aufbewahrung von Duftölen, Salben und anderen kostbaren Essenzen diente. Um diese duftenden Essenzen luftdicht aufzubewahren, wurden geschlossene Behältnisse, auch in Tierform, geschaffen, deren 'Kopf' beim Öffnen an der Sollbruchstelle zerschlagen wurde. Der vordere Orient, speziell Syrien, aber auch Mesopotamien und Ägypten sind als die führenden Glasverarbeiter dieser Zeit anzusehen, von Alexandria aus gelangte die Ware in den gesamten Mittelmeerraum. Exponate dieser Zeit erzielen Höchstpreise auf den internationalen Auktionen und sind verstärkt in Museen zu bewundern. Unsere Exponate stammen aus der Staatlichen Antiken-Sammlung in der Glyptothek am Königsplatz, München, dort ist im Untergeschoss antikes Glas mit einer kleinen Auswahl vertreten. 

Stapelbar zum Transport – schon in der Antike

Vierkantflasche mit MarkierungMit der Erfindung der Glasmacherpfeife um 100 - 200 v. Chr. wurde die wesentlich weniger aufwendigere Technik des Glasblasens möglich. Von Syrien aus gelangte diese revolutionäre Fertigungstechnik nach Rom um dort nach allen Regeln der Kunst verfeinert zu werden. Rom wurde zum Zentrum der Glasbläserkunst. Fensterscheiben, Aufbewahrungsgefäße und Trinkgläser wurden zum alltäglichen Gebrauchgegenstand und fanden sich in jedem Haushalt  – dies erklärt zumindest teilweise die eigentlich unvorstellbar niedrigen Preise wie die der unten abgebildeten spätrömischen Glasbecher, die zu 120,- bzw. 150,- Euro vor 2010 bei Numisart zu sehen waren.

Glas früherer Zeit war dickwandig und haltbar. Formen wie die der damals gebräuchlichen Vierkantflaschen waren durch Ihre Form stoßfest: die Henkel ragten nicht über den Flaschenkörper hinaus, das Stapeln in Kisten wurde durch die effiziente Form erleichtert. In den Boden eingebrannte Markierungen lassen Rückschlüsse auf Herkunft, Vertriebswege und Alter solcher Transportbehälter ziehen.

Spätrömische Glasbecher – Gebrauchsglas der Antike

Glasbecher, ca. 4.Jh. n. Chr. ca. € 150,- vor 2010 bei Numisart

Bei Kameengläsern wurden Schichten verschiedenfarbigen Glases verschmolzen, durch Ausschneiden einzelner Partien blieben kontrastierende Motive zurück und bildeten reliefartige Verzierungen.Durch die Glasbläserei kam dünnes, farbloses Glas in den Handel und entwickelte sich schnell zum Statussymbol. Die heute übrigens bei Klarglas-Funden zu sehenden irisierenden Farbgebungen entstanden durch das Auswaschen von Substanzen aus dem Glas, dadurch heben sich hauchdünne Schichten vom Glas ab und mit der darunter eindringenden Luft wird die schöne Irisierung erzeugt, ursprünglich waren die Gefäße transparent. Parallel entstanden Objekte der hohen Glaskunst, bei denen die Techniken der Verzierung verfeinert wurden. Die Materialbearbeitungen anderer  Gewerke wurden übertragen, durch Bemalungen, Gravuren und Schlifftechniken herausragende Kunstwerke geschaffen.

'Zwischengoldgläser' entstanden durch zwei ineinander gefügte Gläser, bei dem die Außenseite des inneren Glases mit Edelmetall belegt und in die lackierte Innenseite des Außenglases historische oder religiöse Zeichnungen radiert wurden. Die sogenannten ‚Zirkusbecher’ sind Relief-Becher, die in meist dreiteilige Formen geblasen wurden. Ihre Protagonisten sind die Athleten der Zirkusrennen und Gladiatorenkämpfe oder die Kampfarenen mit ihren Denkmälern. Bei 'Kameengläsern' wurden Schichten verschiedenfarbigen Glases verschmolzen, durch Ausschneiden einzelner Partien blieben kontrastierende Motive zurück und bildeten reliefartige Verzierungen. Die Motive waren historischer oder religiöser Art.

Diatretgläser – Glasmacherkunst in Vollendung

Highlight in der Antiken-Sammlung, 4 Jh. n. Chr.Diatretgläser waren auch zu damaliger Zeit luxuriöse Kostbarkeiten, wurden als Weingläser genutzt, und zeugen von der Kunstfertigkeit früher Handwerker. Meist handelt es sich um einen farblosen Becher, der von einem farbigen Netzwerk umgeben ist. Darin eingeschnitten sind filigrane Ornamente, Figurenszenen oder Trinksprüche. Die Herstellung von Diatretglas wird in der Antiken-Sammlung München wie folgt beschrieben: 'Einen farbigen Glasballen presste man unter langsamen Drehbewegungen mit einem Stempel in einer Form zu einer Glasschale (a). In eine noch heiße Schale wurde eine durchlöcherte Zwischenform aus Gips eingesetzt (b), in der ein weiterer, diesmal farbloser Glasbatzen zu einem Becher gestaltet wurde (c).Das farblose Glas floss durch die Löcher der Zwischenform. Die dadadurch entstandenen Stege verbanden Innenbecher und Außenschale. Nachdem das Glas erkaltet war, wurde die Außenform abgenommen und die Glasschale zwischen den Stegen ausgeschnitten, so dass ein feingliedriges Netz stehen blieb (d).' Herstellungsform für DiatretgläserIn deutschen Landen waren die römischen Gründungen Trier und Köln um 100 n. Chr. federführende Zentren der Glasbläserkunst, ohne dass diese jedoch die Kunstfertigkeit
römischer Originale erreichten. Durch die römischen Niederlagen, den Rückzug des Heeres und die allgemeine Not in Nordeuropa wurde die Glasbearbeitungstechnik zurückgeschraubt. Erst im Mittelalter gelangte die Glaskunst durch die Kirche und dabei speziell in Italien zu neuer Blüte.

Neue gesetzliche Bestimmungen befreien Antiken-Ankäufe von jedem Verdacht der indirekten ‚Grabplünderung’. Die Herkunft eines jeden Objektes muß vom Verkäufer einwandfrei nachgewiesen werden können. Was sich zunächst als bürokratisches Hemmnis befürchten ließ, erweist sich nun als Segen. Die daraus erfolgende Rechtssicherheit vermittelt dem Käufer Vertrauen und vor allem Eigentumssicherheit. Mit einer langfristig steigenden Preisentwicklung ist deshalb zu rechnen. Doch noch kann der Aufbau einer fundierten Sammlung mit normalen finanziellen Mitteln getätigt werden. Gerade die ‚Massenware’ der Gebrauchsgegenstände aus Glas bietet mit Preisen von zum Teil noch wenigen 100 Euro schöne Einstiegsobjekte, denen in absehbarer Zeit dennoch eine große Wertsteigerung vorauszusagen ist. 

Text | Susanne Perk-Kuhlmann
Fotos Antikensammlung | Susanne Perk-Kuhlmann, 
andere Fotos Numisart, mittlerweile leider geschlossen

 

* Bild ganz oben: Spätrömischer Glasbecher, römisches Glasfläschchen ca. 4. – 5. Jh. n. Chr.,& Hellenistische Glasschale, ca. 2. -1. Jh. v. Chr. von Numisart

Designguide-Tipp! Als weiterführende Literatur empfehlen wir 'Glas der Caesaren' – Römisch Germanisches Museum der Stadt Köln oder 'Frühes Glas der Alten Welt'  von Marianne Stern und Birgit Schlick-Nolte.