Stilkunde

Definition und Erklärung zu Vintage & Retro bei Möbeln und Interior

Vintage-Möbel bei Ladoug

Oktober 2017 | Vintage, Retro, Functional Industrial, Shabby Chic – der Gebrauch dieser Attribute ist so bunt wie manch charmante  Remise oder Dachkammer, in deren verstaubten Tiefen sich jene Objekte verbergen, die so oft mit diesen Begriffen verbunden werden. Auch in Mode und kulturgeschichtlichen Zusammenhängen werden Vintage &Co. häufig verwandt, der Designguide legt das Augenmerk jedoch auf Interior & Design, bringt Licht ins begriffliche Dunkel und liefert exakte Definitionen zu Vintage & Co.. Was ist Vintage?, was bedeutet Retro?, hier die Erklärung der Begriffe...

Vintage war ursprünglich der englische Begriff für ‚Weinlese’, später bezeichnete Vintage dann einen besonders guten Jahrgangswein und wurde im Sinn von gut, gereift verwandt. In der Modewelt bedeutete Vintage in Anlehnung an die ursprüngliche Bedeutung ’Jahrgangsmode', gemeint ist dabei Designermode früherer Jahrzehnte ab 1920. Der Interiorbereich übernahm diese Klassifizierung, Möbel und Objekte aus dieser Zeit bezeichnet man schlicht als ’Vintage’. Neue Produkte, die die Formensprache dieser Zeit lediglich kopieren, werden dagegen als Möbel im Vintage-Stil bezeichnet.

Functional Industrial Design bei Strandgut – manchmal leicht modifiziert, meist original und authentisch

Echte Vintage-Möbel sind also tatsächlich alt, zählen aber nicht zu den klassischen Antiquitäten. Auch der Begriff 'Junge Antiquitäten' wird in diesem Zusammenhang oft verwendet. Neuerdings fälschlicherweise im selben Atemzug oder synonym gebraucht: Functional Industrial Design. Im Gegensatz zu Vintage handelt es sich hierbei aber beim Functional Industrial Design um eine tatsächliche Stilrichtung, die ihren Ursprung in der Art and Crafts Bewegung hat und deren Fokus auf der Funktionalität des Objektes lag. Auch wenn sich die heute üblicherweise gebrauchte Bedeutung meist lediglich auf alte Funktionsmöbel aus Fabrikhallen oder Turnhallen beschränkt und weniger den ideologischen Hintergrund dieser frühen Industrie-Design-Bewegung im Sinn hat. Was der Schönheit alter Vintage-Industrial-Objekte im Übrigen nichts nimmt. Stubenzier.de z.B. arbeitet alte Turnhallen-Möbel ganz behutsam zu Designermöbeln mit Charakter um, Strandgut führt originale Industrial Objekte wie Rowac und Singer.

Aufgearbeitete Stubenzier.de-Turn- und Kastenmöbel mit neuer Funktion

Ganz anders beim Retrostyle. Retromode, -Objekte und Retro-Möbel knüpfen an alte Traditionen und Formen vergangener Epochen an. Es handelt sich um neue Produkte, die Merkmale vergangener Zeiten imitieren ohne sie gänzlich zu kopieren. Revivals vergangener Epochen gab es in der Geschichte immer wieder. In der Gotik etwa verschwanden die klassischen antiken Formen, um in der Renaissance wieder aufgegriffen zu werden. Der im 19. Jahrhundert aufkeimende Historismus griff unterschiedliche Stilelemente aus verschiedenen Epochen auf, es wurde bunt zusammengewürfelt. Schlichtes Erkennungsmerkmal für den nicht ganz so versierten Betrachter: wenn z.B. vermeintlich echt-barocke Antiquitäten zu Schnäppchen-Preisen angeboten werden... 

Vintage wird auch gerne als Bezeichnung verwandt wenn die Grenzen zwischen echt alt und gut neu gemacht verschwimmen – Ladoug Interieur, einer der führenden Münchner Vintage Stores, beispielsweise führt Originale wie den antiken, komplett überarbeiteten Büchsenmacher-Werkzeugschrank ganz oben genauso wie neue, nach alten Vorbildern gefertigte Spinde nordischer Hersteller. Unter Vintage laufen auch die von Claudia Rinneberg aus alten Einzelstücken und schweren Eichenbohlen handgeschmiedeten Möbel. Bei Klewitz die Wohnung wird ebenfalls gemixt: die Melange aus authentischen VintageFinds und modernen Möbel im Loftstyle ist ausgesprochen gelungen.

Bar-Objektmöbel im Industrial Style von Claudia Rinneberg

Original Eames-Lederchair neben antikem Wandregal bei Klewitz

Ein bisschen Kritik am Establishment gehörte auch zur Geburtsstunde des Shabby Chic. Inspiriert von alten Landhäusern mit ihren antiken Ölgemälden, fadenscheinigen Vorhängen, verblichenen Chintzstühlen und opulenten Lüstern, begannen Londoner Künstler und Bohemiens ihre Wohnungen im Stile dieser alten Landsitze einzurichten – Statement gegen den teuren, hochwertigen Einrichtungsstil der Oberen Mittelklasse. Hatte der Stil anfangs noch die Pracht der alten Refugien, kamen schnell Einflüsse aus Schweden, Frankreich und den amerikanischen Shakern dazu. Rachel Ashwell gab dem Trend den Namen ’Shabby Chic’ und perfektionierte antike Flohmarkt-Träume durch die von ihr bevorzugten hellen Noncolours in Buttermilktönen. Glitzernde Lüster und Leuchter adeln Möbel mit Gebrauchsspuren & Patina in zarten Pastellfarben, genauso wie nostalgisches Porzellan, verblasste Stoffe und alte Prints mit morbidem Charme. In jüngster Zeit wird Shabby Chic zunehmend mit modernem, hochwertigem Design kombiniert.

Retro, Vintage, Shabby oder Industrial, meist nicht wirklich korrekt gebraucht, versteht doch jeder, was gemeint ist oder kann sich in Sachen Interior zumindest ein Bild machen. Vintage als Definition von 'rar, selten, Einzelstücken' setzt sich durch, da aufgrund ihres Alters aus der jeweiligen Kollektion gerissen, muss also selbstständig kombiniert werden. Klar ist in jedem Fall, dass es sich bei Einrichtung & Möbeln nie um moderne Einrichtungen im Stil klassischer Inneneinrichter handeln kann, sondern meist um ganz individuelle kleine Fluchten – also mixen Sie auch die Begrifflichkeiten ruhig weiter...

 

Text | Antje Lehner & Susanne Perk-Kuhlmann