Grenzen verschwimmen

Hochwertiger Modeschmuck in München

Anschmiegsame, auffällige Kette aus Kunststoff von Lilli & Karl

Münchens Schmuck-Läden & Ateliers für hochwertigen Modeschmuck im Visier. Schillernd, funkelnd, opulent, mal reduziert und dezent, in Material und Design nahezu unbeschränkt – für all dies und mehr steht hochwertiger Modeschmuck. Ihren glanzvollen Einzug in die Modewelt verdanken die heute unverzichtbaren Geschmeide der Grand Dame der Pariser Mode Coco Chanel. Sie entwarf in den 1920er Jahren unechten Schmuck passend zu ihren Kreationen und trug so zur Demokratisierung von Schmuck bei. Dieser bestand bis Mitte des 19. Jh. meist aus echten Steinen und edlen Metallen und war so dem Adel und der Großbourgoisie vorbehalten. Heute haben die schönen Preziosen ihr Image 'rein serieller Produktion mit einfachen Materialien' längst hinter sich gelassen, auch wenn die Gräben zwischen Goldschmiedekunst und Modeschmuck-Design sicher nicht ganz geschlossen sind.

Glasperlen-Collier vom Dultstand im Stadtmuseum

Oft aufwändig in Handarbeit aus ungewöhnlichen Materialien produziert, sind sie nicht selten Ausdruck großer Experimentierfreude im Spiel mit Materialien und Technik. So werden handgefertigte Cameen, Halbedelsteine, Swarovski-Kristalle, antike Fundstücke, Kunststoff oder Papier in unterschiedlichsten Wickel-, Häkel- oder Nähtechniken verbunden. Das vermeintliche Manko der günstigen Ausgangsmaterialien erweist sich hinsichtlich der Kreativität als absoluter Vorteil – halten sich doch auch die Kosten nicht ganz gelungener Prototypen für experimentierfreudige Schmuckgestalter in Grenzen. Einladung zur spannenden Entdeckungsreise durch München...

Wirkungsvolle Anhänger an Leder- oder Satinband bei Die Vier Jahreszeiten

So glänzen Die vier Jahreszeiten nicht nur durch wunderschöne Wohnaccessoires und ausgefallene florale Arrangements, sondern durch eine kleine Ecke mit extravagantem, oft textil geprägten Modeschmuck. Nostalgische Porträts junger Damen zieren spitzenbesetzte Kropfbänder aus Samt oder in sich verschlungene & geknotete Baumwollbänder mit Charms. Die Hornspitzen imposanter Geweihträger adeln Strass und Lederband und verwandeln ein traditionsbesetztes Accessoires in extravagante Halsgeschmeide.

Saami-Armbänder, traditioneller Schmuck der Samen der einst ausschließlich von Frauen gefertigt wurde, hat mittlerweile einen fest Platz zwischen den zahlreichen Varianten moderner Armbänder. Feiner Zinndraht wird in unterschiedlichen Mustern auf weiches Rentierleder aufgenäht, eine uralte Kunst, dennoch zeitlos & modern. Neben Die Vier Jahreszeiten führt auch der Perlenhimmel diese zu jedem Style kompatiblen ledernen Armbänder. Inhaberin Petra von Kornatzki umschreibt ihr Konzept mit 'Handcrafted Jewels & More' und führt neben echten Silberschmiedearbeiten auch hochwertigen, modischen Schmuck. Individuelle Anfertigungen sind dabei möglich, so z.B. die an eigener Silberstanze gearbeiteten Plättchen aus Silberblech mit Stanzung. Dauerbrenner ist die 'Familienkette', in die jeder Neuankömmling mit einem Namensschild integriert wird. Die Silberplättchen werden gehämmert, der Text gepunzt und anschließend geschwärzt. 

Silberplättchen gepunzt mit persönlicher Widmung bei Petra von Kornatzki im Perlenhimmel

Gewickelte Lederarmbänder von Lustheimer Schmuck

Feinstes Nappaleder als Werkstoff für die kostbaren Lederarmbänder von Lustheimer Schmuck, die sich gerne auch um toughe Männerarme schmiegen. Mit Skulls bestückt sind die gewickelten Lederbänder aber auch klares Statement in modischer Hinsicht. Vor den Toren Münchens in einer kleinen Werkstatt gefertigt, können auch Sonderwünsche realisiert werden und die Augen der Totenköpfe beispielsweise mit farbigen Steinen besetzt werden. Die Totenköpfe werden in Handarbeit modelliert, gegossen und dann ausgearbeitet – so ist jeder ein handgefertigtes Unikat. Carla und Anton Gruber und Michael Acapulco sind ihre Macher, auf Wunsch werden die Totenköpfe poliert, mattiert oder geschwärzt erstellt...

Trouvaillen aller Art verarbeitet Lilli & Karl zu Charms

Im kleinen Kosmos von Lilli & Karl enthüllt ein alter Werkzeugschrank zwischen handgefertigten Papierobjekten, Textilien, antiken Fundstücken und Wohnaccessoires handgefertigten Modeschmuck. Trouvaillen und antike Briefmarken aus aller Welt werden zu langen Charms-Ketten verarbeitet, feine Kunststoffgespinste erweisen sich als echter Hingucker. Aus Büttenpapier entstehen zarte Ketten, gelaserte Textilien verwandeln sich in extravagante Schmuckstücke.

Unikatschmuck afrikanischer Anmutung von Thomasine Müller fügt sich wunderbar zu den Designklassikern, handgefertigten Unikaten und antiken Raritäten im Stadthaus. Alle Holzkugeln werden von der Künstlerin von Hand auf die richtige Größe geschliffen, bemalt und mehrmals lackiert. Verschlüsse und Bindeglieder sind aus Sterlingsilber. Edel verarbeitet, zeitlos und ein Paradestücke, an denen sich die kontrovers diskutierte Frage, was Echt- und was Modeschmuck ausmacht,  leidenschaftlich reiben könnte.

Thomasine Müllers handgearbeitete Holzperlen-Ketten im Stadthaus

Metall wirkungsvoll verarbeitet in der Boutique de Marie

Perfekte Handwerkskunst, unedle und edle Materialien, geschmiedete Verschlüsse – ein Zwitterwesen, weder Modeschmuck noch Echtschmuck, der die Grenzen aufweicht und einmal mehr verdeutlicht, dass die aktuellen Definitionen der beiden Genres der Realität hinterher hinken. Ob echt oder unecht steht weitaus weniger im Vordergrund, als Verarbeitung und künstlerische Idee. So etwa auch die italienische Gliederkette aus Metall, die zwischen den modernen Wohnaccessoires in La Boutique de Marie um Aufmerksamkeit wirbt. Flache, unterschiedliche große Metallkreise, hochwertig verarbeitet, stehen ihren Mitstreitern in edlen Metall sicher in nichts nach.

‚Unechter’ Modeschmuck verhalf auch den Damen vergangener Zeiten zu Glanz und Glamour. Aus dem Bild der modischen Frau der 20er Jahre sind die langen, oft unechten Perlenketten nicht weg zu denken. Schon seit der Erfindung des Strass 1730 und des daraus resultierenden Berliner Eisens, des ersten tatsächlich seriell gefertigten, unechten Schmucks, ist diese Art ‚weiblicher Staffage’ nicht mehr wegzudenken. Und so findet sich Modeschmuck zwischen echten Preziosen immer wieder in Antikläden.

Oben abgebildet ein roter Glücksgriff aus privatem Fundus: das mehrreihige Collier aus hochwertigen, schweren Glasperlen mit entzückendem Häckelverschluss zu wahrhaftig traumhaftem Preis. 20€ waren für das Kleinod beim Dultstand von Paul Eichinger zu berappen, der neben antikem Modeschmuck auch andere modische Accessoires, wie etwa mit Perlen bestickte Täschchen aus seinem Raritätenfundus zaubert. Es darf gehandelt und gefeilscht werden, Schnäppchen sind immer wieder zu machen. Das wissen auch Modeleute zu schätzen, die auf Inspirationspirsch immer wieder beim Meister im Stadtmuseum vorbei schauen.

Weiterer Stern unter der Kuppel schimmernder, antiker Kostbarkeiten ist neben Haben Will ganz sicher Palma Kunkel. Mariele Liebl beherbergt in ihrer reizenden, kleinen Wunderkammer neben antikem Echt- und Modeschmuck wunderschöne antike Abendtäschchen, verzierte Ledertaschen und, als einzige Ausnahme, modernen Schmuck der israelischen Modeschmuck-Künstlerin Ayala Bar, der es in seiner Formensprache durchaus mit antiken Stücken aufnehmen kann oder besser: der diese alten Formen aufgreift und ins hier und jetzt übersetzt. Die handwerkliche Verarbeitung, die Anlehnung an antike Formensprachen und die absolut hochwertige Verarbeitung zeigen einmal mehr, dass die gern zitierte Minderwertigkeit von Material & handwerklicher Verarbeitung von Modeschmuck keine universelle Bedeutung hat, und nicht jeder Goldschmied steckt die Grenzen absolut linear.

Ohrhänger und Armband aus der Trauben-Kollektion von Sassa Held

Ganz undogmatisch sieht es Goldschmiedin Sassa Held:  "Abgesehen von den Materialien – die nicht unbedingt minderwertig sein müssen – hat Modeschmuck im Gegenteil zum klassischen Schmuck etwas kurz- und schnelllebiges und unterliegt immer aktuellen Modeströmungen und dem jetzigen Zeitgeist" und "...wenn ich auch selbst größtenteils klassischen Schmuck fertige, würde ich mich selbst nicht beleidigt fühlen, wenn man meine Strahlenohrringe oder auch die Trauben als Modeschmuck betiteln würden“.

Gefasster Glasschmuck von Gubo München

Modeschmuck von Ayala Bar bei Palma Kunkel

Die Grenzen sind also fließend und viele der vor allem jungen Trägerinnen treffen die radikale Unterscheidung von Echt- und Modeschmuck längst nicht mehr. Da wird bunt gemixt, echte Erbstücke baumeln neben Lederarmbändern und preiswerten Charms an den Handgelenken, hohe Goldschmiedekunst steckt neben ‚Kaugummiringen’ am Finger. So haben auch die Goldschmiede im Laufe der Jahre durchaus auch Elemente des Modeschmucks adaptiert und mixen schon mal Echtgold mit Glassteinen oder adaptieren konzeptionelle Anordnungen des Modeschmucks. Mag sein, das im Gegensatz zu vergangenen Epochen, der Anlagecharakter und die statusgebende Symbolik in den Hintergrund treten und heute lustvoll nach ästhetischen Prinzipien getragen wird. Der traditionsreiche Glasschmuck aus den Allgäuer Werkstätten der Firma Gubo bedient zweifelsfall ganz entspannt letztere – dabei führt die Galerie Gubo München kleine Ohrstecker mit Glassteinen für wenig Geld genauso wie kunstvoll gefasste Colliers aus antiken und neuen, wertigen Glassteinen.

DIY-Preziosen sind zudem hoch im Kurs. Mag auch hier manchmal keine große handwerkliche Kunstfertigkeit im Vordergrund stehen, so sind die künstlerischen Resultate oft ganz wunderschön. Die mit persönlichen Fundstücken und Perlen & Zubehör aus der Perlerie bestückte Kette lässt erahnen, welche Möglichkeiten der Perlenfundus auch ohne große handwerkliche Fähigkeiten ermöglicht.

Miracle-Pearls und Zubehör aus der Perlerie in Neuhausen

Viele der oben genannten Beispiele würden nach unserer Definition fast schon als 'Autorenschmuck unter den Modeschmuck-Designern' durchgehen. Während industriell gefertigter Modeschmuck ein bestimmtes Zugehörigkeitsgefühl vermittelt und nicht selten ganz entscheidend von angesagten Modemarken geprägt wird, sind die hier gezeigten, handwerklich geprägten Schmuckstücke, ähnlich Goldschmiedearbeiten,  schon eher für ganz bestimmte Persönlichkeiten gedacht.


| Fotos:  Susanne Perk-Kuhlmann (9),
Petra von Kornatzki (1), Sassa Held (1)