Museen München

Kunst- und Wunderkammer Burg Trausnitz

Kaum eine Fahrstunde von München entfernt finden sich auf Burg Trausnitz antike Kleinode und Antiquitäten der Extraklasse – wissenschaftliche Instrumente stehen neben dem Pokal aus Kokosnuss, kostbaren Bronzen und Gemälden, daneben hängen außergewöhnliche Gehörne, liegen Muscheln und Mineralien. Über 750 Exponate teils außergewöhnlicher Güte zeigt das 2004 neu errichtete Renaissance-Museum als Zweigstelle des Bayerischen Nationalmuseum München und weiß sich damit in Tradition stehend mit den früheren Burgbesitzern...

Himmelsglobus, ©Bayerisches Nationalmuseum München

Himmelsgloben, angetrieben durch Uhrwerke

Die sich majestätisch über die Stadt Landshut türmende Burg Trausnitz blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Parallel zur Stadtgründung 1204 war die Burg bereits in etwa auf ihre heutigen Ausmaße des inneren Kerns gewachsen. Kultur wurde hier schon unter der Stauferherrschaft in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts groß geschrieben – so ließ man einen heute unbekannten, damals jedoch sehr geschätzten Bildhauer, der den Skulpturenschmuck für die Burgkapelle schaffen sollte, von weit her aus Straßburg kommen.

Im 15. Jahrhundert erfolgten zahlreiche Erweiterungsbauten, so ist die Errichtung der Wehrtürme und der Bau der neuen Dürnitz in diese Epoche zu legen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts ging die niederbayerische Linie der Wittelsbacher unter, die Burg Trausnitz aber konnte sich ihre Rolle als eine der wichtigsten Standorte im Land erhalten. Unter der Herrschaft des späteren Herzog Wilhelm V. und seiner Frau Renata von Lothringen wurde die Burg im Stil der italienischen Renaissance neu ausgebaut: die doppelstöckigen Laubengänge im Hauptgebäude und der italienische Anbau mit der Narrentreppe’ fallen in die Zeit von 1568-1579. An diese Glanzzeit bayerischer Herrscher knüpft das Renaissance-Museum mit der Kunst- und Wunderkammer Burg Trausnitz.

Vergoldete Figurenuhr, um 1630, Armillarsphäre,1569, Universal-Sonnenuhr, Tag- und Nachtuhr, Rosenkranz mit Zwischenkugeln aus Karneol als Vaterunsermerker, ©Bayerisches Nationalmuseum München‚Kunst- und Wunderkammern gelten als die Vorläufer der heutigen Museen. Sie entstanden im Europa des 16 Jahrhundert, als  insbesondere der Adel, aber auch reiche Bürger und Kirchenfürsten von der Sammelleidenschaft ergriffen wurden. Gesammelt wurde alles, was dieser Zeit von Bedeutung erschien, als wertvoll und nicht alltäglich angesehen wurde – das Exotische, Fremde und das Künstlerische: Gemälde, Plastiken, Bücher, Fossilien, Skelette, Atlanten und Globen, astronomische Geräte, Mineralien ... – so die Definition aus dem Antik-Guide Schlagwörter-Lexikon. 

Um die gesammelten Schätze angemessen präsentieren zu können wurden dazu passend Räume gestaltet und Aufbewahrungsmöbel konstruiert. Kabinettschränke mit eigens konzipierten Klappfächern, Türchen, Lädchen und Schubladen nahmen die wertvollen Objekte auf und boten sie den Blicken feil. Diese ‚Kunstschränke’ waren meist selbst kunstvoll gefertigte Exponate, die mit der Exotik des Gesammelten konkurrierten. Die besten Handwerker ihrer Zunft wurden engagiert um Beeindruckendes zu schaffen und steigerten mit der Güte ihrer Arbeit das Ansehen des Sammelnden. Handwerkliche Meisterstücke landeten deshalb nicht selten in den fürstlichen Kunst- und Wunderkammern. Wunderkammern der ersten Generation verstanden sich als Allegorie der Welt, als verbindendes Element zwischen Kunst und Natur, das den Nachweis eines übergeordneten Prinzips erbringen sollte. „ Religiosität, Aberglaube und philosophische Interpretationen waren in der Vergangenheit immer ein wesentlicher Aspekt bei der Bemühung, die Welt zu verstehen und spielten für die Sammler eine zentrale Rolle. Nicht selten waren sie beseelt von dem Wunsch ein gänzlich bruchloses Ebenbild der Schöpfung zu gestalten.“ (Zitat aus der Buchbesprechung zu ‚Das Kuriositäten Kabinett’)

Kabinettschrank, ©Bayerisches Nationalmuseum München

Wissenschaft ordnet die Wunder

Im Zeichen der Aufklärung verwandelte sich ab 1750 auch der Anspruch an die Kunst- und Wunderkammern. „Spezialisierte Sammlungsräume entstanden, Wissenschaftlichkeit und der Glaube an die Ästhetik lösten die geheimen Motive und naiven Theorien der Vergangenheit ab. Objekte, die einstmals im friedlichen Nebeneinander existierten, wurden nun aufgeteilt in Artificialia, Exotica, Naturalia und Scientifica. Der Kuriositätenkult verschwand zugunsten reiner Wissenschaftlichkeit.“ (Zitat aus Das Kuriositäten-Kabinett)

In diesem Sinne wurden auch die Kunst- und Wunderkammersäle der Burg Trausnitz bestückt und laden ein zu einem Rundgang durch die verschiedenen Sammlungsgebiete. Verdeutlicht wird das Wesen der Kunstkammer im Allgemeinen, der spezielle Fokus liegt aber auch auf den Besonderheiten der einstigen Wittelsbacher Sammlungen. Über die ausgesuchten Exponate wird dem Besucher darüber hinaus Einblick gewährt in die Prachtentfaltung des höfischen Lebens unter Erbprinz Wilhelm, den Künstler und Handwerker aus ganz Europa hofierten und der auf Burg Trausnitz das Leben zu feiern wusste. Auf Burg Trausnitz sammelte er in der ‚Jungen Kunstkammer’ Kunstvolles, Exotisches und Merkwürdiges. Wilhelm führte diese frühen Landshuter Sammelbestände mit der Sammlung seines Vaters Herzog Albrechts V. zusammen, als er 1579 in München die herzogliche Nachfolge antrat.

Saal der Artificialia, ©Bayerisches Nationalmuseum MünchenDoch durchwandern wir die verschiedenen Säle: Saal eins zeigt Wundersame Kunststücke, ‚Artificialia’ – das sind künstlich von Menschenhand geschaffene Dinge, die durch kunstvolle Bearbeitung der besten Künstler Vollendung erlangen. Bergkristallpokale, symbolträchtige Gold- und Silberarbeiten , in Pokale gefasste Muscheln oder Strausseneier, feinste Rosenkränze, vergoldete Becher mit „Schlangenhaut-Dekor“ oder ein Straußenei mit biblischen Szenen in Reliefschnitzerei sowie ein Kokosnuss-Pokal gehören in diese Kategorie. Saal zwei widmet sich mit ‚Naturalia’ den Wundern der Natur, die durchaus auch Anomalien und Monstrositäten aufzeigen durften. Mumifizierte und ausgestopfteTiere aus fernen Landen, Schmetterlingskästen, Spinnensammlungen, Herbarien oder auch Korallen-Sammlungen finden sich hier.

Krokodil und Pflaumenkern, Astrolab und Fürstenbild

Wunderbares aus fremden Ländern wird der ‚Exotica’ im dritten Saal zugeordnet. Amerika, Asien und andere neu entdeckte Länder boten faszinierend Unbekanntes. Manche Schiffsladungen der Ostindischen Kompanien gelangten sicherlich geradewegs in die fürstlichen Kunstkammern und füllten diese mit Gold, Edelsteinen, Gewürzen, Elfenbein, Mahagoni, Porzellanen und Chinoiserien. Auch indische Waren, Kästchen mit Tellern aus Perlmutter, türkische Dolche oder die Tröte aus einer Seeschnecke waren beliebte Mitbringsel aus fernen Landen. 

Tisch mit Scagliola-Einlagen, ©Bayerisches Nationalmuseum München'Scientifica’, die Wissenschaft ordnet die Wunder der Welt – deren rationale Erfassung und Systematisierung war nun Zielsetzung unter den Gelehrten. Die Medizin, die Physik, Astronomie, Navigation und Kartografie fanden in den neuen wissenschaftlichen Instrumenten und Geräten Bestätigung und Ansporn. Doch nicht nur die ausgefeilte Mechanik der kunstvoll gearbeiteten Uhren und Automaten, der astronomischen Modelle, der Kompasse und Globen fand das Interesse des Betrachters, auch die darüber vermittelten neuen Erkenntnisse waren Gegenstand des wissenschaftlichen Disputs. Die gezeigten Exponate erschließen einen faszinierenden Blick auf die Sammlertätigkeiten früherer Fürstengeschlechter aus Bayern, jedoch vermag die nüchterne Darstellung der Exponate in den Ausstellungsvitrinen die Erhabenheit vergangener Kunst- und Wunderkammern nur unzureichend wiedergeben. Wachgeküssten sei deshalb ausserdem ein Blick in die stimmungsvolle Münchner Wunderkammer Georg Laues und unsere Zusammenstellung über die Faszination der Meeresgeschöpfe empfohlen... 

| spk, 089VERLAG

Info... Burgverwaltung Landshut  |  Burg Trausnitz 168  |  Tel. 0871- 924 11-0  |  Infoline 0871- 924 11-44  | Geöffnet April -September 9-18 Uhr  | Oktober-März 10-16 Uhr | täglich geöffnet | Eintritt € 5,50